Konstantin Nikolajewitsch Batjuschkow
Das Aufwachen
Die schlafbefangenen Wimpern macht
Mir Zephir leicht mit sanften Schwingen,
Doch bin ich nicht zum Glück erwacht,
Verheißt mir auch der Tag Gelingen.
Und nicht der Morgenröte Kranz,
Dem Lichtgespann vorausgehoben;
Nicht reifer Felder Duft und Glanz,
Nicht schleierzarte Bläue droben;
Nicht Lärm der Hunde, nicht der Ritt
An menschenleeren Uferhängen
Ermuntern mich. Ich halt nicht Schritt
Mit ausgelassenen Jagdhornklängen.
Die Seele, aufgestört im Traum,
Ist ausgesetzt an allen Orten.
Der stolze Geist hält nicht im Zaum
Die Liebesglut mit kalten Worten.
Alexander Block
Dort ist des Himmels lichter Rand.
Die Wolken zogen,
Dort ist der wilden Gänse Band
Vorbeigeflogen.
Frei bin ich und die Weite spricht
So unvergeßlich
Unfaßbar. Ich verstehe nicht
Was unermeßlich.
Dort ist der Herbst. Er fliegt und malt
In dunklen Tönen.
Dort lichtet sich der alte Wald.
Die Äxte dröhnen.
September 1910
Aus dem Russischen von Sarah Kirsch
Ich spüre Dich. Vergeblich wandert Jahr um Jahr
Vorbei, und immer ahn ich als Erscheinung Dich.
Der Horizont flammt auf, wird unerträglich klar,
Mich sehnend, liebend, schweigend warte ich.
Der Horizont flammt auf und kündet Dein Erscheinen,
Doch mir wird angst: Du änderst Dein Gesicht.
Ich kann in mir nicht den Verdacht verneinen,
Du trügest die gewohnten Züge nicht.
O abgrundtief, verzweifelt werd ich fallen,
Denn ich bewältigte die Träume nicht.
Wie klar der Horizont ist und wie nah die Strahlen,
Doch mir wird angst: Du änderst Dein Gesicht.
Schachmatowo, 4.Juli 1901
Aus dem Russischen von Annemarie Bostroem
Ihr Lied
Den ich liebe beabsichtige ich nicht in Ketten zu schlagen.
Er kann getrost mir oder dem Wind anvertraun.
Vorausgesetzt er hat begriffen daß ich ihn liebe.
Es empfiehlt sich so zu befinden daß man die Sterne sieht.
Die Hand kann das Schwert fallen lassen und frei sein.
Man muß Herr über das nutzlose Zittern werden.
Soll eine Lawine zu Tal gehen.
Ich werde dich atemlos machen wie ein Schneesturm.
Unsere Lustbarkeiten
Sollen dich langsam betäuben. Die Sinne
Werden dir schwinden wie auf der Schaukel.
Mit völlig in Unordnung geratenen Strähnen
Werd ich dich binden wenn du es verlangst.
Du wirst betrunken und fröhlich
Wie nach jungem Bauernwein.
4.Januar 1907
Aus dem Russischen von Sarah Kirsch
Sing zärtlich nicht und süß für mich,
Den Halt am Irdischen verlor ich lang,
Der Seele Meere weiten sich
Und uferlos wird sterben der Gesang.
Allein das Wort ist ja dem Herzen klar,
Der Klang des Lieds jedoch ist Leidenschaft
Und Last und Lüge birgt es unsichtbar,
Erblühn wirst du nur an der wahren Kraft.
Du hast mein junges Feuer selbst verlacht,
Verlassen hab ichs, hinter mir der Rauch sich wiegt.
Umfasse meine Träume, sei bedacht
Doch zu begreifen, was vor uns liegt.
25. Juli 1901
Aus dem Russischen von Adelheid Christoph
Wie der Nebel dich versteckte,
Ich sinne noch der Täuschung nach -
Wie sie mich, den Sklaven, schreckte,
Deine Stimme selbst war schwach.
Eine märchenhafte Krone
Krönte dich aus Morgenlicht,
Ich weiß noch den Weg zum Throne
Und dein strenges - mein Gericht!
Was für blasse weiche Schleier,
Und dein Blick so fremd, so leer!
Welcher Stille große Feier!
Die Umarmung lilienschwer.
Wo das war, ich will es fragen,
Wo versank der lichte Stern?
Welche Worte wolltest du sagen
Oder schwiegst du, kühl und fern?
O die Kleider, diese bleichen,
Und die Lilie, weiß und schön,
Konnte ich etwa das Zeichen
Jener Blume mißverstehn?
Mai 1902
Aus dem Russischen von Adelheid Christoph
Anton Delwig
Wir
Klägliche wir! Unser Geist:
In Nebeln schwer atmende Fackel.
Boot unseres Lebens: Von Tränen -
Strömen entführt auf ein Meer.
Und unser Glück: Zwischen Trug -
Bilder verstoßen in eine Wüste...
Wie nach der Kerze das Kind,
So greifen wir nach der Liebe.
Aus dem Russischen von Hans Baumann

Quelle
Sergej Alexandrowitsch Jessenin
Den See befährt das Abendrot
Den See befährt das Abendrot mit glühenden Kähnen.
Im Tann das klagende Gebalz von Auerhähnen.
Und ein Pirol schluchzt an verborgnem Quell.
Nur ich klag nicht, in meiner Seele ist es hell.
Ich weiß, du kommst dorthin, wo sich der Weg verläuft:
Zur Nachbarscheune, wo das frische Heu gehäuft.
Ich küß dich, bis du außer dir bist, ich zerdrück
Dich Blume, tollgeworden, außer mir vor Glück.
Du selber wirfst das Seidentuch ab, wachgekost.
Ich trag dich hin zum Strauch, bis uns der Tag umtost.
Ob auch die Auerhähne klagend schrein im Tann -
Für uns bricht mit dem Abendrot die Freude an.
Aus dem Russischen von Hans Baumann
Des Abends Brauen sind eingesunken,
Fremde Pferde stehn unten vorm Haus.
Hab' ich gestern die Jugend vertrunken?
War die Liebe zu dir gestern aus?
Knarre doch nicht, du verspäteter Wagen!
Wie unser Leben so spurlos verfliegt!
Morgen ist es das Krankenhauslager,
Das dann vielleicht auf immer mich wiegt.
Morgen vielleicht, ein anderer wieder,
Geh' ich geheilt die Straße voran,
Höre die Blätter, des Regens Lieder -
Davon erblühen die Kräfte im Mann.
Dann vergeß ich die Nacht und die Lüge,
Alles, was quälend mich fast zerbricht.
Antlitz, liebendes! Trauteste Züge!
Dich alleine vergesse ich nicht.
Mag ich mir auch eine andre erwählen,
Will ich doch ihr, zu der ich entbrannt,
Auch von dir, Geliebte, erzählen,
Die ich einstmals Liebste genannt.
Wie unser Leben, das nie verflossen,
Hinfloß, erzähl ich ihr später bei Nacht ...
Du mein Kopf, voller Streiche und Possen,
Wozu hast du mich wieder gebracht?
[1923]
Aus dem Russischen von Heinrich Stammler

Quelle
Die goldnen Schatten
Den See befährt das Abendrot mit glühenden Kähnen.
Im Tann das klagende Gebalz von Auerhähnen.
Und ein Pirol schluchzt an verborgnem Quell.
Nur ich klag nicht, in meiner Seele ist es hell.
Ich weiß, du kommst dorthin, wo sich der Weg verläuft:
Zur Nachbarscheune, wo das frische Heu gehäuft.
Ich küß dich, bis du außer dir bist, ich zerdrück
Dich Blume, tollgeworden, außer mir vor Glück.
Du selber wirfst das Seidentuch ab, wachgekost.
Ich trag dich hin zum Strauch, bis uns der Tag umtost.
Ob auch die Auerhähne klagend schrein im Tann -
Für uns bricht mit dem Abendrot die Freude an.
Nackt die Wälder
Nackt die Wälder, kahl die Fluren,
Auf den Wassern Nebel brauen.
Sonne rollt in flachen Spuren
Dorthin, wo die Berge blauen.
Aufgewühlt vergessen Wege
Ihren Wintertraum zu zügeln:
Daß sich neuen Leuchten rege
Bald, o bald mit weißen Flügeln!
Ach, ich selber will mir holen
Träume aus der Nebel Mitten.
Sieh: der Mond, fuchsrotes Fohlen,
Angeschirrt vor unserm Schlitten.
Aus dem Russischen von Hans Baumann
Valeri Brjussow
Dämmerung
Von schwankenden Halmen gleiten
Die Lichter der Monde aufs Land;
Die Masten tönen, die Saiten,
Gespielt von nicht sichtbarer Hand;
Bernsteinerne Zifferblätter
Hoch droben die Flamme erhellt,
Auf dürsternde Fliesen, auf Steige,
Die Stille begütigend fällt.
Im Netz, im schwanken, im schweren,
So still ward das neblige Grün,
Und lächelnd küßt die Hetären
Der Abend und läßt sie ziehn.
Die weichen Töne, die warmen
Des Klavierchords - der Abend verblich...
O Dämmer, du Welt voll Erbarmen,
Erfülle und tröste mich.
Einer Zufälligen
Im verlebten Aug, dem starren
Lächeln such ich oft die Züge,
Derer, die - kein Maß galt - liebten
Bis zum Irrwahn, bis zur Lüge,
Les in falschen Zärtlichkeiten,
Müdender Bewegung Bahnen
Wie in eines Traumbuchs Seiten
Von der Sehnsucht, der vertanen.
Hinter Gleichmut, Ödnis, Leere
Spür ich fern der Lüge Mauern
Noch der Wollustnächte Schwere
Und im Schlafe selbst ein Schauern.
Keines Zufalls Stimme, liebe
Ich die Gier des Tods, der Keimnis
Und im Schlaf voll fad-geübter
Zärtlichkeit noch das Geheimnis.
5.Juni 1899
Aus dem Russischen von Uwe Grüning
Ich
Mein Geist hat nicht sich erschöpft im Nebel der Widersprüche,
Nicht schwach ist geworden mein Denken in fataler Verstrickungen Schmerz.
Ich liebe die Träumereien, und wert sind mir die Gespräche,
Und allen den Göttern weih ich meinen tönenden Vers.
Ich erhob meine flehende Bitte zu Hekate und Astarte
Als Priester, und Blut vergoß ich von zahllosen Stieren,
Ich trat zu den Piedestalen, auf denen die Kreuze warten,
Und pries jener Liebe Macht, die den Tod kann besiegen.
Die Gärten der Akademien und der Lykeions besucht ich,
In Wachs hab ich eingeritzt die trefflichen Worte der Alten;
Und weil ich als Schüler beflissen, umschmeichelten alle mich zärtlich.
Doch ich liebte einzig die Worte, ihr zuchtvolles Walten.
Auf Inseln der Träumereien, wo Statuen sind und Lieder,
Ließ Spuren zurück ich auf leuchtenden Wegen, matten,
Bald neigte ich mich vor denen, die greller und materieller,
Bald bebte ich jäh in der Ahnung sich nahender Schatten.
Und merkwürdig lieb gewann ich den Nebel der Widersprüche,
Und fiebernd begann ich zu suchen fataler Verstrickungen Schmerz.
Denn süß sind mir die Träumereien, und wert sind mir die Gespräche,
Und all den Göttern weih ich meinen tönenden Vers.
24.12.1899
Aus dem Russischen von Roland Erb

Quelle
Мой дух не изнемог во мгле противоречий,
Не обессилел ум в сцепленьях роковых.
Я все мечты люблю, мне дороги все речи,
И всем богам я посвящаю стих.
Я возносил мольбы Астарте и Гекате,
Как жрец, стотельчих жертв сам проливал я кровь,
И после подходил к подножиям распятий
И славил сильную, как смерть, любовь.
Я посещал сады Ликеев, Академий,
На воске отмечал реченья мудрецов;
Как верный ученик, я был ласкаем всеми,
Но сам любил лишь сочетанья слов.
На острове Мечты, где статуи, где песни,
Я исследил пути в огнях и без огней,
То поклонялся тем, что ярче, что телесней,
То трепетал в предчувствии теней.
И странно полюбил я мглу противоречий,
И жадно стал искать сплетений роковых.
Мне сладки все мечты, мне дороги все речи,
И всем богам я посвящаю стих...
24 декабря 1899
Dämonen
Es gibt Dämonen des Staubes
Wie Dämonen des Lichts und des Schnees.
Es gibt Dämonen des Staubes.
Ihr Kleid, das purpurn ich seh,
Im Feuer verbrennt.
Mit Grau behängt
Entschwinden sie, lächelnd-spöttischen Zaubers.
Die Dämonen des Staubes,
Wie Tiere sind sie auf Schränke verkrochen,
Mit geschlossenem Auge.
Doch kaum stehn die Türen offen,
Erbeben sie neu
Und blicken scheu;
Es schwingen sich, tanzend, Dämonen des Staubes.
Wo eins ihnen fiel zum Raube,
Da ist Ruh, da sind Träume und Schlaf
Wie in Grabgewölbs Raume.
Sie schlummern, sie liegen schlaff,
Und gekauert ins Eck,
Sehn sie nicht durchs Gewb.
Doch daß sie gesiegt, sie wissens im Traume.
O ihr Dämonen des Staubes!
Ihr seid Herrn der farbbunten Welt!
O ihr Dämonen des Staubes!
Jedes Zeitalter hat euch höher gestellt!
Euer Tag wird es sein -
Wenn alles schläft ein
Unterm lautlosen Wehn auffliegenden Graus!
21.2.1899
Aus dem Russischen von Roland Erb
Sonett an die Form
Fäden, so zart, doch machtvoll ausgesendet
Vom Blütenduft zu einer Blüte Rand,
So wie der sonst unsichtbare Brillant,
Von eines Ringes Rund umspannt, uns blendet.
Der Phantasie Gestalten: hergewendet
und dann - gleich eilen Wolken - fortgesandt,
Leben Jahrhunderte, in Stein gebannt,
In einen Satz, geschliffen und vollendet.
Und ich, ich wünsch, daß alle meine Träume,
Zur Welt gelangt im flügelnden, im Wort,
Die Fäden fänden, die ersehnten Räume.
So seist du, Freund - leg nicht die Zeilen fort -
Berauscht vom Wohllaut, der die Verse füllt,
Und von der Lettern ruhig schönem Bild.
6.6.1895
Aus dem Russischen von Uwe Grüning
Zufälligkeiten
Gern glaub ich den Zufälligkeiten,
Das Flüchtigste wird mir bewußt.
Süß ists, an den Grenzen zu schreiten,
Zu tauschen Entsagung mit Lust.
Vergänglichem wahllos ergeben,
Wird frei der Gedanke und weit;
Ein Leben vernichtet das Leben...
Ein Schatten - die Wirklichkeit.
Nicht wünsch ich, als Herrscher zu thronen
Des Schicksals - bestimmt ist sein Lauf.
Im Kloster, wo Sternbilder wohnen,
Stoß Falltür um Falltür ich auf.
O Zufall, du Triebwerk der Tage,
Der Nächte melodisch Getön,
Du Rausch, den ich stolz in mir trage,
Poem, du, unendlich schön.
September 1900
Aus dem Russischen von Uwe Grüning
Michael Jurjewitsch Lermontow
Becher des Lebens
Wir heben ihn mit blinder Hand
Zum Mund, wir trinken, wähnen,
Von Wein sei feucht der goldene Rand -
Er ist benetzt mit Tränen.
Erst wenn der Tod den Schleier löst
Auf seiner stummen Runde;
Dann zeigt der Becher sich entblößt,
Der Blick dringt bis zum Grunde.
Wir sehn, daß im Gefäß nur Raum,
Nur Leere, pures Innen,
Befangensein in Wahn und Traum,
Nichts Eigenes, kein Entrinnen.
Aus dem Russischen von Hans Baumann
Quelle
Silhouette
Ich nahm dein Schattenbild mir vor,
Ich liebe seinen Trauerflor;
Es hängt an meiner Brust als Zier
So dunkel wie das Herz in ihr.
Die Augen leblos, ohne Schein,
Doch dafür sind sie ewig mein;
Ich liebe es, und ist es nur
Dein Schatten, meiner Liebe Spur.
[1831]
Aus dem Russischen von Karl Dedecius

Quelle
O, Worte, an Inhalt
Kaum klar, ja oft kläglich,
Wo immer ihr hinfallt,
Erregt ihr unsäglich.
Wie fühlt man drin schweben
Den Rausch des Verlangens!
Des Wiedersehns Beben,
Die Tränen des Bangens.
Nie klingen zusammen
An irdischen Orte
Aus Lichtern und Flammen
Geborene Worte;
Im Dom doch, im Feld doch,
Wo immer er käme,
Der Klang überfällt noch,
Kaum ich ihn vernehme;
Nicht bet ich zu Ende -
Ich antwort verwegen
Und werf mich behende
Aus Kampf ihm entgegen.
Aus dem Russischen von Johannes von Guenther

Quelle
Wir trennten uns. Dein Bild blieb klar
Und unversehrt in mir zurück.
Umglänzt von dem, was einmal war,
Erhellt es mir das Herz und Glück.
Viel reißt der Leidenschaften Strom
Dahin. Dein Bild hat er verschont.
Der Dom, verlassen, ist noch Dom,
Der Gott noch Gott, wenn auch entthront.
Aus dem Russischen von Hans Baumann

Quelle
Wladimir Majakowski
Gespräch mit dem Steuerinspektor über die Dichtkunst
Genosse Steuerinspektor!
Darf ich unterbrechen?
Danke ...
ich stehe gern ...
ich komme privat ...
Ich möchte Sie
in etwas
sehr Heiklem sprechen:
wo ist der Platz
des Dichters
im Arbeiterstaat.
Wie alle
Besitzer
von Gütern, von Geschäften,
besteuern Sie mich auch
für meine Mühe.
Sie fordern
fünfhundert
für die Jahreshälfte
plus fünfundzwanzig
fürs Steuerhinterziehen.
Mein Werk
ist wie jegliches
Werk
zu nehmen.
Da sehn Sie,
wie hoch ich investieren muß,
wie groß
der Leerlauf
in meinem Unternehmen
und was mich kostet
der Rohstoffverlust.
Sie kennen
natürlich
das Wesen der Reime.
Zum Beispiel,
eine Zeile
endet
mit „Papa“,
dann muß man die Silben,
die folgen,
so leimen,
daß sich die Enden
gleichen
wie „tramparapa-pa“.
sind Reime
Wechsel.
Fällig je Zeile.
Ein Zahlungsversprechen.
So suchen wir
fade Flexionen, Suffixe
in leeren Kassen
auf Biegen
und Brechen.
die Worte in Verse zu pressen,
sie bocken und bersten -
gespannte Bögen.
bei meiner Ehre,
den Dichter
kosten Worte ein Vermögen.
Nach unseren Begriffen
ist der Reim -
Dynamit.
Ein Pulverfaß.
Die Zeile -
lauernde Lunte.
die Strophe explodiert damit,
und eine Stadt
im Vers
geht in die Luft und unter.
Wo findet man, wo
und zu welchem Preis,
noch seltene Reime,
die tödlich schlagen?
Vielleicht
sind fünf Stück noch
möglicherweis
in Venezuela
zu haben.
Es lockt mich
hinaus
in Sturm und Nacht.
Ich stürze,
verstrickt in Schulden, Vorschüsse.
Genosse,
ziehn Sie den Fahrpreis in Betracht!
Dichten ist
- ganz!
eine Fahrt ins Ungewisse.
Dichten ist so
wie Radium gewinnen.
Ein Gramm gefördert -
geschuftet ein Jahr.
Man quält sich ab,
das Wort zu ersinnen,
mit tausend Tonnen
toten Inventars.
Doch wie
verzehrend
auch der Worte Glut
zugleich
mit dem Glimmen
von Wort-Erzen,
das Wort schafft Leben,
durchpulst als Blut
tausend Jahre
und Millionen Herzen.
Gewiß,
es gibt in der Dichterrunde
auch Reimer
mit flinken Händen!
Die ziehn
wie Gaukler
Zeilen aus dem Munde,
aus eigenem
und aus fremdem.
Von Lyrik-Kastraten
schweigen wir lieber:
die setzen
geklaute
Zeilen und sind froh.
Das sind
gewöhnliche
Diebe, Betrüger,
sie wuchern bei uns wie anderswo.
Die
zeitgenössischen
Oden, Gedichte,
beifallsgeile
Jammerdudeleien,
gehen ein
als Spesen
in die Geschichte
auf das Werk
von uns
zweien oder dreien.
Man muß schon,
so heißt’s,
ein Pud Salz vertilgen,
hundert Zigaretten
werden gepafft,
bis man
gefördert
die kostbaren Silben
aus dem artesischen
menschlichen Schacht.
Sehn Sie,
und gleich
fällt ihr Steuersatz.
Streichen Sie nur
eine Null,
Genosse!
Einrubelsechzig
kostet das Salz,
einrubelneunzig
hundert Papirossi.
Ihr Formular
fragt zum Überdruß:
„Sind Sie gereist?
Und womit gefahren?“
Und was, wenn ich
manchen
Pegasus
zu Tode gehetzt
in den fünfzehn
Jahren?!
Sie fragen
für Ihre Steuergebühren
nach Dienern,
und ob ich
reich bin?
Und wenn ich
ein
nationaler Führer
und Diener des Volks
zugleich bin?
Die Klasse
ist
unser Wort-Gewissen,
wir sind
Proletarier,
Träger der Feder.
Auch Seelenmaschinen
werden
verschlissen.
Dann heißt’s:
„Ins Archiv,
genug
geredet!“
Es schwindet die Liebe,
der Mut und die Bildung,
die Zeit
verstopft uns
die Hirnkanäle,
so kommt dann
die schlimmste Schuldentilgung:
nämlich
des Herzens und der Seele.
Und wenn einst
die Sonne
als fette Sau
die Zukunft
bescheint
ohne Krüppel und Ekel,
werd ich
schon
faulen,
gestorben am Zaun,
mit
einem Dutzend
meiner Kollegen.
Ziehen Sie
doch
posthume Bilanzen!
Ich weiß -
und ich kann es bekunden:
unter den
heutigen
bin allein
- ich! -
hoffnungslos verschuldet.
Ich muß
Sturm heulen
aus kupfernem Hals,
Sirene
im Nebel der Spießer Schlaraffen.
Der Dichter
ist immer
ein Schuldner des Alls:
er zahlt
für sein Elend
Prozente
und Strafen.
Ich
habe Schulden
beim Lichtmeer am Broadway,
bei dir,
Bagdadis himmlischer Bleibe,
bei Kirschblüten Japans,
der roten Armee -
bei allem,
was ich
versäumt zu schreiben.
Was soll
überhaupt
die geniale Blähung?
Nur - daß der Reim trifft,
der Rhythmus erhitzt?
Das Dichterwort ist -
Ihre Auferstehung,
es macht Sie unsterblich,
Genosse Kanzlist.
Jahrhunderte später,
noch einmal geboren,
trifft Sie die Zeile
aus meinem Buch!
Und aufs neue ersteht
dieser Tag
mit Inspektoren,
mit allem Scheinglanz
und Tintengeruch.
Als Zeitgenossen mit Anspruch auf Ruhm
wird die Dichtung
Sie
ins Ewige fahren
und das berechnend
legen Sie um
meine Honorare
auf dreihundert Jahre.
Die Kraft des Dichters
bewirkt nicht allein,
daß später mal
rülpst,
wer von Ihnen hört.
Nein!
Heut und jetzt
ist des Dichters Reim
Kosung
und Losung,
Knute
und Schwert.
Genosse Inspektor,
ich zahle fünf.
Weg
mit den Nullen,
die hinten lauern!
Ich verlange
mit Recht
einen Platz ohne Schimpf
in der Reihe
der ärmsten
Arbeiter und Bauern.
Doch wenn
Sie meinen,
dichten könne jeder,
der Worte klaut
aus Wörterbörsen,
dann los,
Genosse,
hier meine Feder
und machen Sie mal
selber
Verse!
Aus dem Russischen von Karl Dedecius

Quelle
Alexander Puschkin
An Morpheus
Sei gnädig Morpheus, und entrücke
Mich meiner bittren Liebesqual,
Mit einem holden Traum beglücke
Mich diese Nacht ein einzig Mal!
Laß nicht - wie stets - mein Herz beschweren
Der Trennung Fluch, der mich zerbricht,
Laß ihre Stimme nur mich hören,
Ihr einmal sehn ins Angesicht!
Und wenn der Morgen wieder trennte
Mich von dem Traum, und ich erwacht,
Gib, daß ich dann vergessen könnte
Ihr Bild - bis zu der nächsten Nacht!
Aus dem Russischen von Martin Remané
Das Gold und die Klinge
»Mein ist alles«, sprach das Gold:
»Mein ist alles«, sprach die Klinge.
»Alles kauf ich«, sprach das Gold;
»Alles nehm ich«, sprach die Klinge.
Aus dem Russischen von Elke Erb
Der Vertraute
Ich höre deine Liebesklagen,
Fast geht es über meine Kraft,
Solch eine Beichte zu ertragen,
Solch einem Sturm der Leidenschaft!
Verhehl das Ärgste mir, verhehle,
Wovor dein wundes Herz erbebt!
Im Aufruhr kommt die eigne Seele,
Erfahre ich, was du erlebt.
Aus dem Russischen von Martin Remané
Du und Sie
Kein leeres Sie - ein innig Du
Hat, sich versprechend, sie gesprochen.
Da läßt des Glücks Gewalt im Nu
Mein lodernd Herz vernehmlich pochen.
Ihr Zauber bannt und bindet mich,
Ihr schönes Antlitz ist berückend.
Ich sag zu ihr: Sie sind entzückend!
Und denke still: Dich liebe ich!
Aus dem RussischenMartin Remané
Vorbedeutungen
Es folgen meines Weges Spur
Viel frohe Träume zum Geleite,
Als ich zu Ihnen abends fuhr,
Da schien der Mond zur rechten Seite.
Doch folgten Träume meiner Spur,
Von denen keiner mich erfreute,
Als ich gen Morgen heimwärts fuhr,
Da schien der Mond zur linken Seite.
Der Traum, der einem Dichter gilt
Als Omen, als des Schicksals zeichen,
Ob gut, ob schlecht, er wirds stets gleichen
Nur dem, was seine Seele fühlt.
Aus dem Russischen von Martin Remané
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