Russische Lyrik

Litauen
 
Batjuschkow, Konstantin Das Aufwachen
Die schlafbefangenen Wimpern...
Block, Alexander - Dort ist des Himmels lichter Rand...
Block, Alexander - Ich spüre Dich...
Block, Alexander Ihr Lied Den ich liebe beabsichtige ich nicht...
Block, Alexander - Wie der Nebel dich versteckte...
Brjussow, Valeri Dämmerung Von schwankenden Halmen...
Brjussow, Valeri Einer Zufälligen Im verlebten Aug...
Brjussow, Valeri Ich Mein Geist hat sich nicht erschöpft...
Brjussow, Valeri Dämonen O ihr Dämonen des Staubes...
Brjussow, Valeri Sonett an die Form Fäden, so zart, doch machtvoll...
Brjussow, Valeri Zufälligkeiten Gern glaub ich den Zufälligkeiten...
Delwig, Anton Wir
Klägliche wir! Unser Geist...
Jessenin, Sergej Den See befährt das Abendrot Den See befährt das Abendrot...
Jessenin, Sergej - Des Abends Brauen sind...
Jessenin, Sergej Die goldnen Schatten Die goldnen Schatten...
Jessenin, Sergej Nackt die Wälder Nackt die Wälder...
Lermontow, Michael Becher des Lebens
Wir heben ihn mit blinder Hand...
Lermontow, Michael Silhouette Ich nahm dein Schattenbild
Lermontow, Michael -
O, Worte, an Inhalt...
Lermontow, Michael - Wir trennten uns...
Majakowski, Wladimir Gespräch mit dem Steuerinspektor ... Genosse Steuerinspektor...
Puschkin, Alexander An Morpheus Sei gnädig Morpheus...
Puschkin, Alexander Das Gold und die Klinge »Mein ist alles«, sprach das Gold...
Puschkin, Alexander Der Vertraute Ich höre deine Liebesklagen...
Puschkin, Alexander Du und Sie Kein leeres Sie...
Puschkin, Alexander Vorbedeutungen Es folgen meines Weges Spur...
 



Konstantin Nikolajewitsch Batjuschkow

Das Aufwachen

Die schlafbefangenen Wimpern macht
Mir Zephir leicht mit sanften Schwingen,
Doch bin ich nicht zum Glück erwacht,
Verheißt mir auch der Tag Gelingen.
Und nicht der Morgenröte Kranz,
Dem Lichtgespann vorausgehoben;
Nicht reifer Felder Duft und Glanz,
Nicht schleierzarte Bläue droben;
Nicht Lärm der Hunde, nicht der Ritt
An menschenleeren Uferhängen
Ermuntern mich. Ich halt nicht Schritt
Mit ausgelassenen Jagdhornklängen.
Die Seele, aufgestört im Traum,
Ist ausgesetzt an allen Orten.
Der stolze Geist hält nicht im Zaum
Die Liebesglut mit kalten Worten.


Alexander Block

Dort ist des Himmels lichter Rand.
       Die Wolken zogen,
Dort ist der wilden Gänse Band
       Vorbeigeflogen.

Frei bin ich und die Weite spricht
       So unvergeßlich
Unfaßbar. Ich verstehe nicht
       Was unermeßlich.

Dort ist der Herbst. Er fliegt und malt
       In dunklen Tönen.
Dort lichtet sich der alte Wald.
       Die Äxte dröhnen.

September 1910

Aus dem Russischen von Sarah Kirsch


Ich spüre Dich. Vergeblich wandert Jahr um Jahr
Vorbei, und immer ahn ich als Erscheinung Dich.

Der Horizont flammt auf, wird unerträglich klar,
Mich sehnend, liebend, schweigend warte ich.

Der Horizont flammt auf und kündet Dein Erscheinen,
Doch mir wird angst: Du änderst Dein Gesicht.

Ich kann in mir nicht den Verdacht verneinen,
Du trügest die gewohnten Züge nicht.

O abgrundtief, verzweifelt werd ich fallen,
Denn ich bewältigte die Träume nicht.

Wie klar der Horizont ist und wie nah die Strahlen,
Doch mir wird angst: Du änderst Dein Gesicht.


Schachmatowo, 4.Juli 1901

Aus dem Russischen von Annemarie Bostroem


Ihr Lied

Den ich liebe beabsichtige ich nicht in Ketten zu schlagen.
Er kann getrost mir oder dem Wind anvertraun.
Vorausgesetzt er hat begriffen daß ich ihn liebe.
Es empfiehlt sich so zu befinden daß man die Sterne sieht.
Die Hand kann das Schwert fallen lassen und frei sein.
Man muß Herr über das nutzlose Zittern werden.
Soll eine Lawine zu Tal gehen.

Ich werde dich atemlos machen wie ein Schneesturm.
Unsere Lustbarkeiten
Sollen dich langsam betäuben. Die Sinne
Werden dir schwinden wie auf der Schaukel.
Mit völlig in Unordnung geratenen Strähnen
Werd ich dich binden wenn du es verlangst.
Du wirst betrunken und fröhlich
Wie nach jungem Bauernwein.

4.Januar 1907


Aus dem Russischen von Sarah Kirsch



Sing zärtlich nicht und süß für mich,
Den Halt am Irdischen verlor ich lang,
Der Seele Meere weiten sich
Und uferlos wird sterben der Gesang.

Allein das Wort ist ja dem Herzen klar,
Der Klang des Lieds jedoch ist Leidenschaft
Und Last und Lüge birgt es unsichtbar,
Erblühn wirst du nur an der wahren Kraft.

Du hast mein junges Feuer selbst verlacht,
Verlassen hab ichs, hinter mir der Rauch sich wiegt.
Umfasse meine Träume, sei bedacht
Doch zu begreifen, was vor uns liegt.


25. Juli 1901

Aus dem Russischen von Adelheid Christoph


Wie der Nebel dich versteckte,
Ich sinne noch der Täuschung nach -
Wie sie mich, den Sklaven, schreckte,
Deine Stimme selbst war schwach.

Eine märchenhafte Krone
Krönte dich aus Morgenlicht,
Ich weiß noch den Weg zum Throne
Und dein strenges - mein Gericht!

Was für blasse weiche Schleier,
Und dein Blick so fremd, so leer!
Welcher Stille große Feier!
Die Umarmung lilienschwer.

Wo das war, ich will es fragen,
Wo versank der lichte Stern?
Welche Worte wolltest du sagen
Oder schwiegst du, kühl und fern?

O die Kleider, diese bleichen,
Und die Lilie, weiß und schön,
Konnte ich etwa das Zeichen
Jener Blume mißverstehn?

Mai 1902

Aus dem Russischen von Adelheid Christoph


Anton Delwig

Wir

Klägliche wir! Unser Geist:
   In Nebeln schwer atmende Fackel.
Boot unseres Lebens: Von Tränen -
   Strömen entführt auf ein Meer.
Und unser Glück: Zwischen Trug -
   Bilder verstoßen in eine Wüste...
Wie nach der Kerze das Kind,
   So greifen wir nach der Liebe.


Aus dem Russischen von Hans Baumann


Quelle


 

Sergej Alexandrowitsch Jessenin

Den See befährt das Abendrot

Den See befährt das Abendrot mit glühenden Kähnen.
Im Tann das klagende Gebalz von Auerhähnen.

Und ein Pirol schluchzt an verborgnem Quell.
Nur ich klag nicht, in meiner Seele ist es hell.

Ich weiß, du kommst dorthin, wo sich der Weg verläuft:
Zur Nachbarscheune, wo das frische Heu gehäuft.

Ich küß dich, bis du außer dir bist, ich zerdrück
Dich Blume, tollgeworden, außer mir vor Glück.

Du selber wirfst das Seidentuch ab, wachgekost.
Ich trag dich hin zum Strauch, bis uns der Tag umtost.

Ob auch die Auerhähne klagend schrein im Tann -
Für uns bricht mit dem Abendrot die Freude an.

Aus dem Russischen von Hans Baumann


Des Abends Brauen sind eingesunken,
Fremde Pferde stehn unten vorm Haus.
Hab' ich gestern die Jugend vertrunken?
War die Liebe zu dir gestern aus?

Knarre doch nicht, du verspäteter Wagen!
Wie unser Leben so spurlos verfliegt!
Morgen ist es das Krankenhauslager,
Das dann vielleicht auf immer mich wiegt.

Morgen vielleicht, ein anderer wieder,
Geh' ich geheilt die Straße voran,
Höre die Blätter, des Regens Lieder -
Davon erblühen die Kräfte im Mann.

Dann vergeß ich die Nacht und die Lüge,
Alles, was quälend mich fast zerbricht.
Antlitz, liebendes! Trauteste Züge!
Dich alleine vergesse ich nicht.

Mag ich mir auch eine andre erwählen,
Will ich doch ihr, zu der ich entbrannt,
Auch von dir, Geliebte, erzählen,
Die ich einstmals Liebste genannt.

Wie unser Leben, das nie verflossen,
Hinfloß, erzähl ich ihr später bei Nacht ...
Du mein Kopf, voller Streiche und Possen,
Wozu hast du mich wieder gebracht?

[1923]

Aus dem Russischen von Heinrich Stammler


Quelle



Die goldnen Schatten

Den See befährt das Abendrot mit glühenden Kähnen.
Im Tann das klagende Gebalz von Auerhähnen.

Und ein Pirol schluchzt an verborgnem Quell.
Nur ich klag nicht, in meiner Seele ist es hell.

Ich weiß, du kommst dorthin, wo sich der Weg verläuft:
Zur Nachbarscheune, wo das frische Heu gehäuft.

Ich küß dich, bis du außer dir bist, ich zerdrück
Dich Blume, tollgeworden, außer mir vor Glück.

Du selber wirfst das Seidentuch ab, wachgekost.
Ich trag dich hin zum Strauch, bis uns der Tag umtost.

Ob auch die Auerhähne klagend schrein im Tann -
Für uns bricht mit dem Abendrot die Freude an.


Nackt die Wälder

Nackt die Wälder, kahl die Fluren,
Auf den Wassern Nebel brauen.
Sonne rollt in flachen Spuren
Dorthin, wo die Berge blauen.

Aufgewühlt vergessen Wege
Ihren Wintertraum zu zügeln:
Daß sich neuen Leuchten rege
Bald, o bald mit weißen Flügeln!

Ach, ich selber will mir holen
Träume aus der Nebel Mitten.
Sieh: der Mond, fuchsrotes Fohlen,
Angeschirrt vor unserm Schlitten.

Aus dem Russischen von Hans Baumann


Valeri Brjussow

Dämmerung

Von schwankenden Halmen gleiten
Die Lichter der Monde aufs Land;
Die Masten tönen, die Saiten,
Gespielt von nicht sichtbarer Hand;

Bernsteinerne Zifferblätter
Hoch droben die Flamme erhellt,
Auf dürsternde Fliesen, auf Steige,
Die Stille begütigend fällt.

Im Netz, im schwanken, im schweren,
So still ward das neblige Grün,
Und lächelnd küßt die Hetären
Der Abend und läßt sie ziehn.

Die weichen Töne, die warmen
Des Klavierchords - der Abend verblich...
O Dämmer, du Welt voll Erbarmen,
Erfülle und tröste mich.


Einer Zufälligen

Im verlebten Aug, dem starren
Lächeln such ich oft die Züge,
Derer, die - kein Maß galt - liebten
Bis zum Irrwahn, bis zur Lüge,

Les in falschen Zärtlichkeiten,
Müdender Bewegung Bahnen
Wie in eines Traumbuchs Seiten
Von der Sehnsucht, der vertanen.

Hinter Gleichmut, Ödnis, Leere
Spür ich fern der Lüge Mauern
Noch der Wollustnächte Schwere
Und im Schlafe selbst ein Schauern.

Keines Zufalls Stimme, liebe
Ich die Gier des Tods, der Keimnis
Und im Schlaf voll fad-geübter
Zärtlichkeit noch das Geheimnis.

5.Juni 1899

Aus dem Russischen von Uwe Grüning


Ich

Mein Geist hat nicht sich erschöpft im Nebel der Widersprüche,
Nicht schwach ist geworden mein Denken in fataler Verstrickungen Schmerz.
Ich liebe die Träumereien, und wert sind mir die Gespräche,
Und allen den Göttern weih ich meinen tönenden Vers.

Ich erhob meine flehende Bitte zu Hekate und Astarte
Als Priester, und Blut vergoß ich von zahllosen Stieren,
Ich trat zu den Piedestalen, auf denen die Kreuze warten,
Und pries jener Liebe Macht, die den Tod kann besiegen.

Die Gärten der Akademien und der Lykeions besucht ich,
In Wachs hab ich eingeritzt die trefflichen Worte der Alten;
Und weil ich als Schüler beflissen, umschmeichelten alle mich zärtlich.
Doch ich liebte einzig die Worte, ihr zuchtvolles Walten.

Auf Inseln der Träumereien, wo Statuen sind und Lieder,
Ließ Spuren zurück ich auf leuchtenden Wegen, matten,
Bald neigte ich mich vor denen, die greller und materieller,
Bald bebte ich jäh in der Ahnung sich nahender Schatten.

Und merkwürdig lieb gewann ich den Nebel der Widersprüche,
Und fiebernd begann ich zu suchen fataler Verstrickungen Schmerz.
Denn süß sind mir die Träumereien, und wert sind mir die Gespräche,
Und all den Göttern weih ich meinen tönenden Vers.

24.12.1899

Aus dem Russischen von Roland Erb


Quelle

Я

Мой дух не изнемог во мгле противоречий,
Не обессилел ум в сцепленьях роковых.
Я все мечты люблю, мне дороги все речи,
И всем богам я посвящаю стих.

Я возносил мольбы Астарте и Гекате,
Как жрец, стотельчих жертв сам проливал я кровь,
И после подходил к подножиям распятий
И славил сильную, как смерть, любовь.

Я посещал сады Ликеев, Академий,
На воске отмечал реченья мудрецов;
Как верный ученик, я был ласкаем всеми,
Но сам любил лишь сочетанья слов.

На острове Мечты, где статуи, где песни,
Я исследил пути в огнях и без огней,
То поклонялся тем, что ярче, что телесней,
То трепетал в предчувствии теней.

И странно полюбил я мглу противоречий,
И жадно стал искать сплетений роковых.
Мне сладки все мечты, мне дороги все речи,
И всем богам я посвящаю стих...

24 декабря 1899


Dämonen

Es gibt Dämonen des Staubes
Wie Dämonen des Lichts und des Schnees.
Es gibt Dämonen des Staubes.
Ihr Kleid, das purpurn ich seh,
Im Feuer verbrennt.
Mit Grau behängt
Entschwinden sie, lächelnd-spöttischen Zaubers.

Die Dämonen des Staubes,
Wie Tiere sind sie auf Schränke verkrochen,
Mit geschlossenem Auge.
Doch kaum stehn die Türen offen,
Erbeben sie neu
Und blicken scheu;
Es schwingen sich, tanzend, Dämonen des Staubes.

Wo eins ihnen fiel zum Raube,
Da ist Ruh, da sind Träume und Schlaf
Wie in Grabgewölbs Raume.
Sie schlummern, sie liegen schlaff,
Und gekauert ins Eck,
Sehn sie nicht durchs Gewb.
Doch daß sie gesiegt, sie wissens im Traume.

O ihr Dämonen des Staubes!
Ihr seid Herrn der farbbunten Welt!
O ihr Dämonen des Staubes!
Jedes Zeitalter hat euch höher gestellt!
Euer Tag wird es sein -
Wenn alles schläft ein
Unterm lautlosen Wehn auffliegenden Graus!

21.2.1899

Aus dem Russischen von Roland Erb


Sonett an die Form

Fäden, so zart, doch machtvoll ausgesendet
Vom Blütenduft zu einer Blüte Rand,
So wie der sonst unsichtbare Brillant,
Von eines Ringes Rund umspannt, uns blendet.

Der Phantasie Gestalten: hergewendet
und dann - gleich eilen Wolken - fortgesandt,
Leben Jahrhunderte, in Stein gebannt,
In einen Satz, geschliffen und vollendet.

Und ich, ich wünsch, daß alle meine Träume,
Zur Welt gelangt im flügelnden, im Wort,
Die Fäden fänden, die ersehnten Räume.

So seist du, Freund - leg nicht die Zeilen fort -
Berauscht vom Wohllaut, der die Verse füllt,
Und von der Lettern ruhig schönem Bild.

6.6.1895

Aus dem Russischen von Uwe Grüning


Zufälligkeiten

Gern glaub ich den Zufälligkeiten,
Das Flüchtigste wird mir bewußt.
Süß ists, an den Grenzen zu schreiten,
Zu tauschen Entsagung mit Lust.

Vergänglichem wahllos ergeben,
Wird frei der Gedanke und weit;
Ein Leben vernichtet das Leben...
Ein Schatten - die Wirklichkeit.

Nicht wünsch ich, als Herrscher zu thronen
Des Schicksals - bestimmt ist sein Lauf.
Im Kloster, wo Sternbilder wohnen,
Stoß Falltür um Falltür ich auf.

O Zufall, du Triebwerk der Tage,
Der Nächte melodisch Getön,
Du Rausch, den ich stolz in mir trage,
Poem, du, unendlich schön.

September 1900

Aus dem Russischen von Uwe Grüning

 



Michael Jurjewitsch Lermontow

Becher des Lebens

Wir heben ihn mit blinder Hand
Zum Mund, wir trinken, wähnen,
Von Wein sei feucht der goldene Rand -
Er ist benetzt mit Tränen.

Erst wenn der Tod den Schleier löst
Auf seiner stummen Runde;
Dann zeigt der Becher sich entblößt,
Der Blick dringt bis zum Grunde.

Wir sehn, daß im Gefäß nur Raum,
Nur Leere, pures Innen,
Befangensein in Wahn und Traum,
Nichts Eigenes, kein Entrinnen.

Aus dem Russischen von Hans Baumann


Quelle

Silhouette

Ich nahm dein Schattenbild mir vor,
Ich liebe seinen Trauerflor;
Es hängt an meiner Brust als Zier
So dunkel wie das Herz in ihr.

Die Augen leblos, ohne Schein,
Doch dafür sind sie ewig mein;
Ich liebe es, und ist es nur
Dein Schatten, meiner Liebe Spur.

[1831]

Aus dem Russischen von Karl Dedecius


Quelle


 

O, Worte, an Inhalt
Kaum klar, ja oft kläglich,
Wo immer ihr hinfallt,
Erregt ihr unsäglich.

Wie fühlt man drin schweben
Den Rausch des Verlangens!
Des Wiedersehns Beben,
Die Tränen des Bangens.

Nie klingen zusammen
An irdischen Orte
Aus Lichtern und Flammen
Geborene Worte;

Im Dom doch, im Feld doch,
Wo immer er käme,
Der Klang überfällt noch,
Kaum ich ihn vernehme;

Nicht bet ich zu Ende -
Ich antwort verwegen
Und werf mich behende
Aus Kampf ihm entgegen.

Aus dem Russischen von Johannes von Guenther


Quelle


Wir trennten uns. Dein Bild blieb klar
Und unversehrt in mir zurück.
Umglänzt von dem, was einmal war,
Erhellt es mir das Herz und Glück.

Viel reißt der Leidenschaften Strom
Dahin. Dein Bild hat er verschont.
Der Dom, verlassen, ist noch Dom,
Der Gott noch Gott, wenn auch entthront.

Aus dem Russischen von Hans Baumann


Quelle


Wladimir Majakowski

Gespräch mit dem Steuerinspektor über die Dichtkunst

Genosse Steuerinspektor!

Darf ich unterbrechen?

Danke ...

ich stehe gern ...

ich komme privat ...

Ich möchte Sie

in etwas

sehr Heiklem sprechen:

wo ist der Platz

des Dichters

im Arbeiterstaat.

 

Wie alle

Besitzer

von Gütern, von Geschäften,

besteuern Sie mich auch

für meine Mühe.

Sie fordern

fünfhundert

für die Jahreshälfte

plus fünfundzwanzig

fürs Steuerhinterziehen.

Mein Werk

ist wie jegliches

Werk

zu nehmen.

Da sehn Sie,

wie hoch ich investieren muß,

wie groß

der Leerlauf

in meinem Unternehmen

und was mich kostet

der Rohstoffverlust.

Sie kennen

natürlich

das Wesen der Reime.

Zum Beispiel,

eine Zeile

endet

mit „Papa“,

dann muß man die Silben,

die folgen,

so leimen,

daß sich die Enden

gleichen

wie „tramparapa-pa“.

Nach ihren Begriffen

sind Reime

Wechsel.

Fällig je Zeile.

Ein Zahlungsversprechen.

So suchen wir

fade Flexionen, Suffixe

in leeren Kassen

auf Biegen

und Brechen.

Wir mühn uns,

die Worte in Verse zu pressen,

sie bocken und bersten -

gespannte Bögen.

Genosse Inspektor,

bei meiner Ehre,

den Dichter

kosten Worte ein Vermögen.

 

Nach unseren Begriffen

ist der Reim -

Dynamit.

Ein Pulverfaß.

Die Zeile -

lauernde Lunte.

Die Zeile zischt,

die Strophe explodiert damit,

und eine Stadt

im Vers

geht in die Luft und unter.

 

Wo findet man, wo

und zu welchem Preis,

noch seltene Reime,

die tödlich schlagen?

Vielleicht

sind fünf Stück noch

möglicherweis

in Venezuela

zu haben.

 

Es lockt mich

hinaus

in Sturm und Nacht.

Ich stürze,

verstrickt in Schulden, Vorschüsse.

Genosse,

ziehn Sie den Fahrpreis in Betracht!

Dichten ist

- ganz!

eine Fahrt ins Ungewisse.

Dichten ist so

wie Radium gewinnen.

Ein Gramm gefördert -

geschuftet ein Jahr.

Man quält sich ab,

das Wort zu ersinnen,

mit tausend Tonnen

toten Inventars.

Doch wie

verzehrend

auch der Worte Glut

zugleich

mit dem Glimmen

von Wort-Erzen,

das Wort schafft Leben,

durchpulst als Blut

tausend Jahre

und Millionen Herzen.

 

Gewiß,

es gibt in der Dichterrunde

auch Reimer

mit flinken Händen!

Die ziehn

wie Gaukler

Zeilen aus dem Munde,

aus eigenem

und aus fremdem.

Von Lyrik-Kastraten

schweigen wir lieber:

die setzen

geklaute

Zeilen und sind froh.

Das sind

gewöhnliche

Diebe, Betrüger,

sie wuchern bei uns wie anderswo.

 

Die

zeitgenössischen

Oden, Gedichte,

beifallsgeile

Jammerdudeleien,

gehen ein

als Spesen

in die Geschichte

auf das Werk

von uns

zweien oder dreien.

Man muß schon,

so heißt’s,

ein Pud Salz vertilgen,

hundert Zigaretten

werden gepafft,

bis man

gefördert

die kostbaren Silben

aus dem artesischen

menschlichen Schacht.

Sehn Sie,

und gleich

fällt ihr Steuersatz.

Streichen Sie nur

eine Null,

Genosse!

Einrubelsechzig

kostet das Salz,

einrubelneunzig

hundert Papirossi.

 

Ihr Formular

fragt zum Überdruß:

„Sind Sie gereist?

Und womit gefahren?“

Und was, wenn ich

manchen

Pegasus

zu Tode gehetzt

in den fünfzehn

Jahren?!

Sie fragen

für Ihre Steuergebühren

nach Dienern,

und ob ich

reich bin?

Und wenn ich

ein

nationaler Führer

und Diener des Volks

zugleich bin?

 

Die Klasse

ist

unser Wort-Gewissen,

wir sind

Proletarier,

Träger der Feder.

Auch Seelenmaschinen

werden

verschlissen.

Dann heißt’s:

„Ins Archiv,

genug

geredet!“

Es schwindet die Liebe,

der Mut und die Bildung,

die Zeit

verstopft uns

die Hirnkanäle,

so kommt dann

die schlimmste Schuldentilgung:

nämlich

des Herzens und der Seele.

Und wenn einst

die Sonne

als fette Sau

die Zukunft

bescheint

ohne Krüppel und Ekel,

werd ich

schon

faulen,

gestorben am Zaun,

mit

einem Dutzend

meiner Kollegen.

 

Ziehen Sie

doch

posthume Bilanzen!

Ich weiß -

und ich kann es bekunden:

unter den

heutigen

Bonzen und Schranzen

bin allein

- ich! -

hoffnungslos verschuldet.

 

Ich muß

Sturm heulen

aus kupfernem Hals,

Sirene

im Nebel der Spießer Schlaraffen.

Der Dichter

ist immer

ein Schuldner des Alls:

er zahlt

für sein Elend

Prozente

und Strafen.

Ich

habe Schulden

beim Lichtmeer am Broadway,

bei dir,

Bagdadis himmlischer Bleibe,

bei Kirschblüten Japans,

der roten Armee -

bei allem,

was ich

versäumt zu schreiben.

Was soll

überhaupt

die geniale Blähung?

Nur - daß der Reim trifft,

der Rhythmus erhitzt?

Das Dichterwort ist -

Ihre Auferstehung,

es macht Sie unsterblich,

Genosse Kanzlist.

Jahrhunderte später,

noch einmal geboren,

trifft Sie die Zeile

aus meinem Buch!

Und aufs neue ersteht

dieser Tag

mit Inspektoren,

mit allem Scheinglanz

und Tintengeruch.

Als Zeitgenossen mit Anspruch auf Ruhm

wird die Dichtung

Sie

ins Ewige fahren

und das berechnend

legen Sie um

meine Honorare

auf dreihundert Jahre.

 

Die Kraft des Dichters

bewirkt nicht allein,

daß später mal

rülpst,

wer von Ihnen hört.

Nein!

Heut und jetzt

ist des Dichters Reim

Kosung

und Losung,

Knute

und Schwert.

 

Genosse Inspektor,

ich zahle fünf.

Weg

mit den Nullen,

die hinten lauern!

Ich verlange

mit Recht

einen Platz ohne Schimpf

in der Reihe

der ärmsten

Arbeiter und Bauern.

Doch wenn

Sie meinen,

dichten könne jeder,

der Worte klaut

aus Wörterbörsen,

dann los,

Genosse,

hier meine Feder

und machen Sie mal

selber

Verse!

Aus dem Russischen von Karl Dedecius


Quelle


Alexander Puschkin

An Morpheus

Sei gnädig Morpheus, und entrücke
Mich meiner bittren Liebesqual,
Mit einem holden Traum beglücke
Mich diese Nacht ein einzig Mal!
Laß nicht - wie stets - mein Herz beschweren
Der Trennung Fluch, der mich zerbricht,
Laß ihre Stimme nur mich hören,
Ihr einmal sehn ins Angesicht!
Und wenn der Morgen wieder trennte
Mich von dem Traum, und ich erwacht,
Gib, daß ich dann vergessen könnte
Ihr Bild - bis zu der nächsten Nacht!

Aus dem Russischen von Martin Remané


Das Gold und die Klinge

»Mein ist alles«, sprach das Gold:
»Mein ist alles«, sprach die Klinge.
»Alles kauf ich«, sprach das Gold;
»Alles nehm ich«, sprach die Klinge.

Aus dem Russischen von Elke Erb



Der Vertraute

Ich höre deine Liebesklagen,
Fast geht es über meine Kraft,
Solch eine Beichte zu ertragen,
Solch einem Sturm der Leidenschaft!
Verhehl das Ärgste mir, verhehle,
Wovor dein wundes Herz erbebt!
Im Aufruhr kommt die eigne Seele,
Erfahre ich, was du erlebt.


Aus dem Russischen von Martin Remané


Du und Sie

Kein leeres Sie - ein innig Du
Hat, sich versprechend, sie gesprochen.
Da läßt des Glücks Gewalt im Nu
Mein lodernd Herz vernehmlich pochen.
Ihr Zauber bannt und bindet mich,
Ihr schönes Antlitz ist berückend.
Ich sag zu ihr: Sie sind entzückend!
Und denke still: Dich liebe ich!

Aus dem RussischenMartin Remané


Vorbedeutungen

Es folgen meines Weges Spur
Viel frohe Träume zum Geleite,
Als ich zu Ihnen abends fuhr,
Da schien der Mond zur rechten Seite.

Doch folgten Träume meiner Spur,
Von denen keiner mich erfreute,
Als ich gen Morgen heimwärts fuhr,
Da schien der Mond zur linken Seite.

Der Traum, der einem Dichter gilt
Als Omen, als des Schicksals zeichen,
Ob gut, ob schlecht, er wirds stets gleichen
Nur dem, was seine Seele fühlt.

Aus dem Russischen von Martin Remané