Gedichte aus Litauen

Ausgangspunkt für viele poetische Bestrebungen in Litauen
war das Poem "Jahreszeiten von Kristijonas Donelaitis (1740-1780).
Die litauische Lyrik ist gekennzeichnet durch eine sehr bildhafte Sprache,
Heimatverbundenheit und wurde nicht zuletzt durch Kriegseindrücke geprägt.
     
Degutyte, Janina - Ich bring dir ein Gedicht...
Donelaitis, Kristijonas - Schon stieg die Sonne...
Janonis, Julius - Reine Bilder der Kunst...
Janonis, Julius Lied des Knechts Schneller, schneller...
Kudirka, Vincas Nicht der ist groß Nicht der ist groß...
Marcinkevicus, Justinus Stille Schweigen werde auch ich...
Mykolaitis-Putinas, V. Mit Gott - welch Aberglaube! Mit Gott - welch Aberglaube...
Strielkûnas, Jonas - Du weintest nicht...
Sruoga, Balys Wolkenbruch in den Alpen Über der Gletscher...
Venclova, Antanas Wir werden eines Tages nicht mehr sein.. Wir werden eines Tages...
 

 

 

Janina Degutyte

Ich bring dir ein Gedicht,
Ein kleines weißes Wolkenhaus,
Wo du dich wärmen
Und du selbst sein kannst.
Da reicht man am Tisch
keinen silbernen Löffel.
Da sind keine roten Teppiche
Ausgerollt.
Doch will ich nicht,
Daß du
Heut Nacht
Obdachlos bleibst.

Aus dem Litauischen von Irene Brewing


Kristijonas Donelaitis

Schon stieg die Sonne wieder zur Höhe
und weckte die Welt auf,
Lachend, da sie vom Winter mühsam
Geschaffenes vernichtet.


Julius Janonis

Reine Bilder der Kunst zu schaffen,
Vermag ich nicht.
Lausche ich dem heimlich betenden
Sonnenlicht,
Höre ich die Ausgenutzten
Im Dunkel klagen.
Und nichts Fröhliches erreicht mich, ich bin
Von Schmerzen geschlagen.
Und ich sehe blasse Gesichter
Voll Traurigkeit.
Und ins Herz wirbeln Bilder von
Schwerem Leid.

Aus dem Litauischen von Uwe Berger


Julius Janonis

Lied des Knechts

Schneller, schneller, mein Brauner zieh,
Zieh, dass uns der Herr nicht rügt.
Er treibt uns an und hat uns doch nie
Selbst eine Furche gepflügt.

Wie viele Furchen zog ich schon?
Ich bin hinterm Pflug ergraut,
ich hab in tagtäglicher Fron
Den Herren Schlösser gebaut.

Zieh, mein Brauner, musst schneller ziehn,
Die Peitsche des Herrn droht.
Ich pflüge und säe für ihn
Um kaum einen Bissen Brot.


Vincas Kudirka

Nicht der ist groß

Nicht der ist groß, vor welchem sich Millionen
In Sklavenketten zähneknirschend beugen,
Groß sind nicht die auf den blutbefleckten Thronen,
Die, Ehrfurcht fordernd, Leid und Unheil zeugen.

Groß ist nur jener, dessen Sinn und Leben
Dem Ziel geweiht sind, Menschenglück zu mehren,
Dem Nächsten dienend, alles hinzugeben,
Und den wir dankbar, ohne Furcht verehren.

Nicht jene sind da stark, durch deren Stärke,
Die Menschen sich in Blut und Tränen quälen,
Nicht jene sind die Starken, deren Werke
Nach Totenschädeln und Ruinen zählen.

Nur die sind stark, die keine Wunden schlagend,
der brüderlichen Welt die Bahn bereiten,
Die selbstlos, an der Last der Armen tragend,
Für deren Recht und Menschenwürde streiten.

Nicht der ist mutig, der mit blanker Schneide
Als Tier, die Augen haßerfüllt gerötet,
den Nächsten anfällt, blind vor dessen Leide
Nicht fühlend, dass er einen Menschen tötet.

Nein, mutig können wir nur jene nennen
Die ihre Meinung zu behaupten wagen
Gedankenfreiheit fordernd, Furcht nicht kennen,
Der Welt die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.


Justinus Marcinkevicus

Stille

Schweigen werde auch ich.
Wie gut mit schweigenden Flüssen zu gehen.

Etwas wächst in der Stille.
Gedanken?
Fische vielleicht?
Gedanken und Fische sind stumm.

Des Nachts hebt sich das Gras,
Flauschige, grüne Wolken -
Schweigend alles zu sagen.


Vincas Mykolaitis-Putinas

Mit Gott - welch Aberglaube

Mit Gott - welch Aberglaube!
Und ohne ihn - wie öd die Welt!
Nachlese halt ich wie ein Vogel
Im herbstlich leeren Stoppelfeld.

Das Korn auf kahlem Feld gefunden
Sättigt den Hungrigen doch nie.
Krampfartig, jäh kam die Enttäuschung,
Wild strömte durch die Glieder sie.

Erntegebete, Kreuze schwanden
Und speisten doch die Seele nicht.
Es stirbt der Tag, der späte, trübe,
Und endet so im Dämmerlicht.

Und heimlich von der grauen Scholle,
Reckt sich zum Himmel eine Hand.
Auch dort erloschen schon die Sterne,
Auch dort liegt wüst das weite Land.

Aus dem Litauischen von Uwe Grüning


Jonas Strielkûnas

Du weintest nicht, du gabst uns freundlich her.
Es war ein Fortgehn ohne Wiederkehr:
Noch blieben Wege, die wir niemals gingen,
Die Stimme blieb, der gute Grund zu singen.

Und jeder sang, so gut er es verstand,
Und jeder schwieg, der es geboten fand.
Wir gehn im Staub und sehn den Weg entschwinden.
Wer wird sein Glück und wer sein Unglück finden?

Der Wind weht stark, die schwarzen Wolken nahn.
Wir aber gehen, der Erde zugetan.
nein, gräm dich nicht. Uns bleibt an allen Wegen
Stets Platz genug, den Kopf darauf zu legen.

Aus dem Litauischen von Waldemar Dege


Balys Sruoga

Wolkenbruch in den Alpen

Über der Gletscher grauen Firn
Plötzlich die Wolke brach,
Durchweichte Adern und Gehirn
Wie Dampf ins Auge sprach.1

Und über Rücken und Gesicht
Zerstiebt des Wassers Kraft
Als ob am Körper niederbricht
Ätzender Höllensaft.

Wie Regenwürmer, durchgeseiht,
Drängen die Tropfen zäh
Stationen böser Fastenzeit
Wurden die Berge jäh.

In ein satanisches Gebräu
Der Himmel rings zerfällt...
Die Hoffnung täuscht das Herz aufs neu:
So weit ist diese Welt.

Aus dem Litauischen von Annemarie Bostroem


Antanas Venclova


Wir werden eines Tages nicht mehr sein..

Wir werden eines Tages nicht mehr sein,
die Zeit fährt sorgsam ihre Ernte ein,
Und doch: Das Meer schlägt weiter an den Stein,
Im Tau des Morgens atmet unser Hain.

Der Tag erhebt sich, lichtblau, wolkenleer,
Und strahlt. Der Abend kommt, und groß und schwer
Versinkt der rote Sonnenball ins Meer,
In unabänderlicher Wiederkehr.

Hier aber werden andre Menschen gehen,
Vom alten Pfad aufs Meer hinuntersehn,
Der Wald wird dunkel an den Ufern stehn
Und dieser Wind wird immer noch ruhlos wehn.

Wie heute wogt das Meer in jener Zeit,
wie unser Schmerz vergeht ein fremdes Leid,
wie gestern fällt ein hartes Wort im Streit,
Wie heute hauchen Lippen Zärtlichkeit.

Zwei Menschen gehen, des eines Schritt ist müd,
Ein Herz brennt heiß dem andern, das verglüht,
Sie gehen so ohne Glück wie wir bemüht,
Den Farn zu sehn, zur Stunde, da er blüht.

Aus dem Litauischen von Waldemar Dege