Gedichte zum Karneval, Fastnachtslieder

 
 
Blumauer, Alois Kettenlied für den Fasching Lasst uns den Fasching loben...
Eichendorff, Joseph von Die ernsthafte Fastnacht Wohl vor Wittenberg...
Hagedorn, Friedrich von Bei einem Carneval Das Spiel der Welt besteht...
Hartleben, Otto Erich Rosenmontag Am Rosenmontag liegen zwei...
Lichtenstein, Alfred Aschermittwoch Gestern noch ging ich gepudert...
Lingg, Hermann Fasching Ich saß am Fenster...
Thoma, Ludwig Karneval Väter, hört mich, Mütter...
Tieck, Ludwig Carneval Freudiger und lichter...
Tucholsky, Kurt Berliner Fasching Nun spuckt sich der Berliner...
Waiblinger Wilhelm Carneval Wie, du wunderst dich...
     


Alois Blumauer

Kettenlied für den Fasching

Lasst uns den Fasching loben,
Und ihn lobpreisen heut';
Wir haben viele Proben
Von seiner Freundlichkeit:
Er schloss heut' allem Leide
Hienieden unser Herz,
Und öffnet es der Freude
Allein nur und dem Schmerz. Die Weisheit hüllt nicht immer
In Falten ihr Gesicht,
Der Freude Rosenschimmer
Entstellt ihr Antlitz nicht:
Drum trat an ihre Stelle
Heut' Scherz und froher Mut;
Denn auch die Narrenschelle
Ist oft zum Lachen gut.

Es leb' in unserm Kreise
Die Weisheit, welche lacht,
Und die des Lebens Reise
Uns angenehmer macht!
Es leben alle Brüder,
Die Hand an Hand in Reih'n
Auch dieses Jahr sich wieder
Wie wir, des Faschings freu'n!

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Joseph von Eichendorff

Die ernsthafte Fastnacht 1814

Wohl vor Wittenberg auf den Schanzen
Sind der edlen Werber viel,
Wollen da zur Fastnacht tanzen
Ein gar seltsam Ritterspiel.

Und die Stadt vom Felsen droben
Spiegelt sich im Sonnenschein,
Wie ein Jungfräulein erhoben -
Jeder will ihr Bräut'gam sein.

Jäger! laßt die Hörner klingen
Durch den Morgen kalt und blank!
Wohl, sie läßt sich noch bezwingen,
Hört sie alten deutschen Klang.

Drauf sie einen Reiter schnelle
Senden der so fröhlich schaut,
Der bläst seinen Gruß so helle
Wirbt da um die stolze Braut.

"Sieh, wir werben lang verstohlen
Schon um dich in Not und Tod,
Komm! sonst wollen wir dich holen,
Wann der Mond scheint blutig rot!"

Bleich schon fallen Abendlichter -
Und der Reiter bläst nur zu,
Nacht schon webt sich dicht und dichter -
Doch das Tor bleibt immer zu.

Nun so spielt denn, Musikanten,
Blast zum Tanz aus frischer Brust!
Herz und Sinne mir entbrannten,
O du schöne, wilde Lust!

Wer hat je so 'n Saal gesehen?
Strom und Wälder spielen auf,
Sterne auf und nieder gehen,
Stecken hoch die Lampen auf.

Ja der Herr leucht't selbst zum Tanze,
Frisch denn, Kameraden mein!
Funkelnd schön im Mondesglanze
Strenges Lieb, mußt unser sein! -

Und es kam der Morgen heiter,
Mancher Tänzer lag da tot,
Und Victoria blies der Reiter
Von dem Wall ins Morgenrot.

Schlesier wohl zu Ruhm und Preise
Haben sich dies Lieb gewonnen,
Und ein Schlesier diese Weise
Recht aus Herzenslust ersonnen. ....................................................................................................

Friedrich von Hagedorn

Bei einem Carneval

Das Spiel der Welt besteht aus Mummereien:
Ein Hofmann schleicht in priesterlicher Tracht;
Als Nonne winkt die Nymphe Schmeicheleien;
Ein Wuchrer stutzt in eines Sultans Pracht;
Der falsche Phrax erscheint im Schäferkleide;
Als Bäurin stampft die zarte Flavia;
Verblendend glänzt im stolzen Erbgeschmeide
Atossa selbst, der Läufer Zulica;
Als Fledermaus läßt Phryne sich nicht nennen,
Auch Myrtis nicht, der bunte Papagei.
O möchte man stets jedem sagen können:
Dich, Maske, kenn' ich; ... nur vorbei! ....................................................................................................

Otto Erich Hartleben

Rosenmontag

Am Rosenmontag liegen zwei,
die kalten Hände noch verschlungen -
das Leben strömte rauh vorbei,
die beiden haben's nicht bezwungen.

Als überwunden grüssen sie
den Sieger, dem das Glück begegnet -
im Tod verbunden, segnen sie
all jene, die das Leben segnet.

aus: Meine Verse 1883-1904

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Alfred Lichtenstein

Aschermittwoch

Gestern noch ging ich gepudert und süchtig
In der vielbunten tönenden Welt.
Heute ist alles schon lange ersoffen.

Hier ist ein Ding.
Dort ist ein Ding.
Etwas sieht so aus.
Etwas sieht anders aus.
Wie leicht pustet einer die ganze
Blühende Erde aus.Der Himmel ist kalt und blau.
Oder der Mond ist gelb und platt.
Ein Wald hat viele einzelne Bäume.Ist nichts mehr zum Weinen.
Ist nichts mehr zum Schreien.
Wo bin ich -

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Hermann Lingg

Fasching

Ich saß am Fenster im erhellten Saale
Und sah hinunter in des Tanzes Reigen,
Sah heißes Roth in junge Wangen steigen
Und goldnen Wein im funkelnden Pokale; Doch wenn ich rückwärts sah, da war nur kahle
Schneelandschaft drauß' und düstres Winterschweigen,
Die Bäume stunden mit entlaubten Zweigen
Und Nebel flog im schwachen Mondenstrahle. O daß die Stunden so geschwind entschweben!
Wie mancher Händedruck wünscht in der Stille
Recht lang zu dauern, um noch mehr zu geben! Dem Wunsch sich fügen sollte jeder Wille!
bis Blüthen draus am Baume sich erheben,
So lang' stürm' fort, berauschende Quadrille! ...................................................................................................


Ludwig Thoma

Karneval

Väter, hört mich, Mütter, hört die Mahnung,
Jetzt kommt wieder jene Zeit - versteht! -,
Wo so manche Tugend ohne Ahnung
Der Besitzerin abhanden geht.

Beutesuchend schleicht umher das Laster;
Wer ist sicher, daß ihm nichts geschieht,
Wenn man jetzt der Busen Alabaster
Und beim Hofball auch die Nabel sieht?Von den Blicken kommt es zur Berührung,
Irgendwo zu einem Druck der Hand,
Und so manches Mittel der Verführung
Sei aus Scham hier lieber nicht genannt!Wenn an hochgewölbte Männerbrüste
Sich das zarte Fleisch der Mädchen drängt,
Regen sich von selbst die bösen Lüste
Und was sonst damit zusammenhängt.Darum Eltern, wenn die Geigen klingen
Und die Klarinette schrillend pfeift,
Hütet eure Tochter vor den Dingen,
Die sie hoffentlich noch nicht begreift!...................................................................................................

Ludwig Tieck

Carneval

Freudiger und lichter
Wird mir mit jeder Wiederholung
Dieses bunte Getümmel.
Wohltuend, befreiend,
Wirkt so die Torheit
Froh und ungestört geübt,
Sie löset und lüftet
Des Missbehagens und Zürnens,
Der Bosheit, des Grolles
Tausendfältige verschlossene Ursachen.
Was Weisheit und Gesetz nicht vermag,
Die Religion selbst ohnmächtig bekämpft,
Beschwichtigt der Taumel des erdichteten Wahnsinns. Und die schönen Larven
Hat Amor selbst erfunden,
Sie verstricken Aug' und Herz.
Die reizenden Gewänder, der freie Fuß,
Das schlanke volle Bein, der weiße Nacken
Und die verhüllten dunkeln Augen
Betören den Sinn.
Doch wieder ernüchtert
Erwacht die Seele vom Rausch,
Wenn am Abend
Die Schöne statt der Maske
Das eigne Antlitz zeigt,
Der Reiz erstirbt, und die Alltäglichkeit
Spricht aus den ermüdeten Gestalten. ......................................................................................................

Kurt Tucholsky

Berliner Fasching

Nun spuckt sich der Berliner in die Hände
Und macht sich an das Werk der Fröhlichkeit.
Er schuftet sich von Anfang bis zum Ende
Durch diese Faschingszeit.

Da hört man plötzlich von den höchsten Stufen
der eleganten Weltgesellschaft längs
Der Spree und den kanälen lockend rufen:
"Rin in die Escarpins!"

Und diese Laune, diese Grazie, weißte,
die hat natürlich alle angesteckt;
die Hand, die tagshindurch Satin verschleißte,
winkt ganz leschehr nach Sekt.

Die Dame faschingt so auf ihre Weise:
Gibt man ihr einmal schon im Jahr Lizenz,
dann knutscht sie sich in streng geschlossnem Kreise,
fern jeder Konkurrenz.

Und auch der Mittelstand fühlts im Gemüte:
Er macht den Bockbierfaßhahn nicht mehr zu,
umspannt das Haupt mit einer bunten Tüte
und ruft froh: "Juhu!"

Ja, selbst der Weise schätzt nicht nur die hehre
Philosophie: auch er bedarf des Weins!
Leicht angefüllt geht er bei seine Claire,
Berlin radaut, er lächelt...
Jeder seins. .....................................................................................................

Wilhelm Waiblinger

Carneval

Wie, du wunderst dich, Freund, wie so urplötzlich ein Volk sich
Wochenlang wie toll, närrisch und albern beträgt?
O mein Teurer, du irrest dich sehr, schilt keinen, der heut sich
Auf dem Corso herum wie ein Besessener treibt,
So erscheint mir am wahrsten der Mensch, dies Carneval steht ihm,
Aber das Schlimmere folgt, wenn er kein Mäskchen mehr hat.