Anonym
Das Licht
Die Lampe strahlt mit stillem Schein:
Da weht eines rauschenden Kleides Saum
Mit Macht in das schimmernde Licht hinein -
Und aus ist der leuchtende Traum!
Hell strahlt eines Mannes Verstandeslicht.
Da blitzt ihm das Augengefunkel
Einer siegenden Schönen mit Macht ins Gesicht
Im Verstande des Mannes wirds dunkel!
Nachdichtung von R. Weller
Anonym
Kurze Blüte
Sollen wir in frommer Schau
An der Ganga uns kasteien
Oder einer edlen Frau
Ehrbar unser Leben weihen?
Sollen wir der Wissenschaft
Ernsten Wundertönen lauschen
Oder an dem Nektarsaft
Bunter Dichtung uns berauschen?
Sagt, wo finden wir das Glück
Und die Krone unsres Strebens? -
Ach, nur einen Augenblick
Währt die Blüte unsres Lebens!
Nachdichtung von Hermann Weller
Anonym
Selbsterniedrigung
Was haben wir Toren nicht alles getan
Dem Leben, dem Leben zu liebe,
Das so kurz nur ist wie die flüchtige Bahn
Des Tropfens am Lotostriebe!
Wir haben vor Leuten, die Geld und Kram
Besessen gemacht und betrunken,
Die Sünde begangen, ohne Scham
Mit eigenem Lobe zu prunken.
Nachdichtung von Hermann Weller
Aus Atharveda
(Das Wissen von den Zaubersprüchen, um 500 v.Chr.)
Die Zeit
Es fährt die Zeit, ein Roß mit sieben Zügeln,
Mit tausend Auge, ewig, reich an Samen.
Dies Roß besteigen gottesvolle Sänger,
Die Räder, die es zieht, sind alle Welten.
Mit sieben Rädern, sieben Naben fährt sie,
Und die Unsterblichkeit ist ihre Achse.
Die Zeit führt herwärts diese Wesen alle
Und eilt dahin als allerserste Gottheit.
Ein voller Krug wird von der Zeit getragen,
Wir sehen vielfach ihn und reich gestaltet.
Die Zeit, sie führt hinweg, die Wesen alle;
Man nennt sie Schicksal in dem höchsten Himmel.
Die Zeit, sie hat den Himmel dort erschaffen,
Die Zeit, sie hie Erden hier geboren.
Alles, was ist, und alles, was sein wird,
Entfaltet sich, von ihr nur angetrieben.
Den Erdgrund hat die Zeit aus sich entlassen,
In ihr, der Zeit, glüht dort das Sonnenfeuer.
In ihr, der Zeit, nur kann das Auge sehen:
Ja, alle Wesen sind der Zeit verhaftet.
Nachdichtung von Hermann Weller
Bhartrihari
Verblendet
Die Motte fliegt ins Lampenlicht;
Sie kennt die Macht des Feuers nicht.
Der Fisch, unkundig der Gefahr,
Verschlingt den Köder ganz und gar:
Wir aber jagen nach Genüssen,
Obschon wir alle recht gut wissen,
Daß sie ein Unheilnetz umspannt:
O tiefer, tiefster Unverstand!
Nachdichtung von Hermann Weller

Quelle
Dhammapa
Der Vollendete
Stille ist sein Denken,
Stille ist sein Wort,
Stille ist sein Wirken,
Stille immerfort.
Denn er sah die Wahrheit,
Ist nicht mehr gebunden,
Hat des letzten Friedens
Gleichgewicht gefunden.
Nachdichtung von Hermann Weller
Hala
Frage
Liebe Freundin, im Vertrauen!
Weitet sich bei allen Frauen,
Deren Liebster fern von hier,
So das Armband wie bei mir?

Quelle
Nachdichtung von Hermann Weller
Aus Rigveda
( Das Wissen von den Preisliedern, um 1500 v.Chr.)
Das grosse Rätsel
Nicht unreal, real nicht war die Welt
Vordem; kein Luftraum war, kein Himmelszelt,
Nicht Füll' und Hülle, keines Hüters Macht,
Nicht Urflut war, kein Tiefer Abgrundschacht.
Nicht Tod war damals, noch Unsterblichkeit,
Nicht war der Tag, noch war die Nacht entstanden.
In Urkraft weste windlos, urbereit
Das Eine: außer ihm war nichts vorhanden.
Nur Dunkel, das im Dunkel sich verlor,
War alles, Urgeström, verwogt, verschwommen:
Das Eine Keim im Leeren: Hitze gor,
Das Eine war zum Werdesein gekommen.
Nun regte in dem Einen sich der Wille,
Er, der des Geistes erster Same war;
Und so ward Suchern in des Herzens Stille
Das Band, das Sein und Nichtsein kettet, klar.
Der Strahl der Seher stößt in tiefste Tiefen:
Gab es ein Unten dort, gab es ein Oben?
Besamer gab's und Wachstumskräfte schliefen:
Bereitschaft unten, Kräftespending oben.
Wer weiß jedoch, wer hat es je gesungen,
Aus welchen Gründen diese Schöpfung kam?
Die Götter nicht: sie sind nach ihr entsprungen,
Wer weiß, woher sie ihren Anfang nahm?
Woraus die Welt entstand, auf welche Art,
Ob sie erschaffen, nicht, 'erschaffen' ward:
Der sie beschaut, der Herr im höchsten Licht,
Ja der weiß es oder weiß es nicht.
Nachdichtung von Hermann Weller
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