Chinesische Lyrik

   
Dschang Jung
Trennung
Weißes Gewölk steigt...
Li Duan
Mondverehrung Als den Vorhang sie gehoben...
   Li Bo
Allein auf dem Djing-ting-Berg Ein Schwarm von Vögeln...
   Li Bo
An einem Sommertag im Gebirge LANGSAM beweg' ich den ...
   Li Bo
- Auf dem Lager hab' ich
   Li Bo
Bootfahrt auf dem Dung-ting-See Nach Westen weite Sicht...
   Li Bo
Der Silberreiher Im Herbst kreist einsam...
   Li Bo
Der Eifersüchtige Der Perlenvorhang...
   Li Bo
Die Ferne Laute Eines Abends hört' ich...
   Li Bo
Grüne Wasser Herbstlich helles Leuchten...
   Li Bo
Leuchtkäfer Schlägt Regen auf dein Licht...
   Li Bo
Nachtgedanken Vor meinem Bette das...
   Li Bo
Selbstvergessenheit ICH saß und trank...
   Li Bo
Spiegelbild Mir wuchs es überlang...

 

 

 

 

 

Dschang Jung

Trennung

Weißes Gewölk steigt über den Bergen gelöst,
Scharfer Wind kommt unter den Kiefern zur Ruh.

Lockt dich, zu wissen um der Verlassenen Weh:
Schau von leerer Terrasse den blinkenden Mond!


Aus dem Chinesischen von Olbricht


Li Duan

Mondverehrung

Als den Vorhang sie gehoben,
Sah den neuen Mond sie droben,
Neigte sich ihm zugewandt
Demutsvoll. Ihr leises Flehen
Konnten Menschen nicht verstehen!
Nordwind blies durch ihr Gewand.

Aus dem Chinesischen von Forke

Gundert, Schimmel, Schubring (Hrsg.): Lyrik des Ostens, München: Carl Hanser Verlag 1965
Quelle


Li Bo

Allein auf dem Djing-ting-Berg

Ein Schwarm von Vögeln, hohen Flugs entschwunden.
Verwaiste Wolke, die gemach entwich.
Wir beide haben keinen Überdruß empfunden,
einander anzusehn, der Berg und ich.

Aus dem Chinesischen von Günter Eich

Lyrik des Ostens. München u. Wien: Carl Hanser Verlag 1978
Quelle

weitere Übersetzungsvariante

Am Berge Ging-Ting-Schan

Da flogen Vögel hoch
am Himmel und flogen fort.
Da zog eine Wolke still
und einsam zum fernen Ort.

Da waren wir beide allein
und sahen einander an,
Und wurden nicht müd dabei:
ich und der Ging-ting-schan.

Aus dem Chinesischen von Günther Debon

Debon, Günther: Herbstlich helles Leuchten überm See, chinesische Gedichte aus der Tang-Zeit, München: R. Piper & Co Verlag
Quelle



An einem Sommertag im Gebirge

LANGSAM beweg' ich den Fächer aus weißen Federn,
Mit offnem Gewand sitz' ich im grünen Gehölz,
Entferne die Mütze, häng' an den moosigen Stein sie,
Und über mein bloßes Haupt fährt kühlend der Kiefernwind.

Waley, Arthur: Chinesische Lyrik aus zwei Jahrtausenden, Hamburg: Marion von Schröder Verlag 1951
Quelle


Auf dem Lager hab' ich gewacht,
sinnend und träumend die ganze Nacht
in der Schenke.

Warf der Mond den bleichen Schein
auf den Boden da herein
in die Schenke.

Zuerst, da ich's sah, war's mir leid,
denn ich glaubt', es habe geschneit
in die Schenke.

Hob zum hellen Mondenlicht
langsam auf mein Angesicht
in der Schenke.

Dachte der Länder weit und viel -
meiner Wand'rung fernem Ziel -
in der Schenke.

Dachte der Fremden mit Überdruß.
die in der Fremd' ich noch sehen muß
in der Schenke.

Drauf hat geneigt mein Haupt sich sacht,
hab' an mein Land und die Freunde gedacht -
in der Schenke.


Bootfahrt auf dem Dung-ting-See

Nach Westen weite Sicht, der Dung-ting-See:
  ein Strom, der ihm entfließt.
Blick südwärts, ob du, wo das Wasser endet,
  am Himmel eine Wolke siehst!

Die Sonne sinkt. Herbstliche Farben fern
  und Tschang-scha's Mauern.
O edle Hsiang, wüßt ich die Stelle doch,
  dich zu betrauern!

Aus dem Chinesischen von Günter Eich

Gundert, Schimmel, Schubring (Hrsg.): Lyrik des Ostens, München: Carl Hanser Verlag 1965
Quelle


Der Silberreiher

Im Herbst kreist einsam überm grauen Weiher
Von Schnee bereift ein alter Silberreiher.

Ich stehe einsam an des Weihers Strand,
Die Hand am Blick, und äuge stumm ins Land.

Aus dem Chinesischen von Klabund

Klabund: Chinesische Gedichte, Zürich: Phaidon Verlag AG 1958
Quelle


Der Eifersüchtige

Der Perlenvorhang rollte auf, die Schöne
Erhob die Brauen, weich wie Faltenhaar.
Wohl konnte ich die Spur von Tränen schauen,
Doch nicht erraten, wem sie böse war.

Aus dem Chinesischen von Günter Eich


Die Ferne Laute

Eines Abends hört' ich im dunkeln Wind
eine ferne Laute ins Herz mir dringen.
Und ich nahm die meine im dunkeln Wind,
die sollte der andern Antwort singen.
Seitdem hören nachts die Vögel im Wind
manch Gespräch in ihrer Sprache erklingen.
Ich bat auch die Menschen, sie möchten lauschen,
aber die Menschen verstanden mich nicht.
Da ließ ich mein Lied vom Himmel belauschen,
und da saßen nachts um mein Herzenslicht
die Unsterblichen mit hellem Gesicht.
Seitdem verstehn auch die Menschen zu lauschen
und schweigen, wenn meine Laute spricht.


Aus dem Chinesischen von Richard Dehmel


Grüne Wasser

Herbstlich helles Leuchten überm See.
Einer treibt dahin, sich Schwanenlaub zu brechen.
Lotos lächeln, möchten mit ihm sprechen -
Dem im Boote bricht das Herz vor Weh.

Aus dem Chinesischen von Günther Debon

Debon, Günther: Herbstlich helles Leuchten überm See, chinesische Gedichte aus der Tang-Zeit, München: R. Piper & Co Verlag
Quelle


Leuchtkäfer

Schlägt Regen auf dein Licht, er kanns nicht löschen,
Bläst Wind auf deinen Glanz, wird er nur reiner,
Und flögest du empor in Himmelsferne,
Dem Monde nah wärst du der Sterne einer.

Aus dem Chinesischen von Günter Eich

Gundert, Schimmel, Schubring (Hrsg.): Lyrik des Ostens, München: Carl Hanser Verlag 1965
Quelle


Nachtgedanken

Vor meinem Bette das Mondlicht ist so weiß,
Daß ich vermeinte, es sei Reif gefallen.
Das Haupt erhoben schau ich auf zum Monde,
Das Haupt geneigt denk ich des Heimatdorfs.

Aus dem Chinesischen von Günter Eich

Gundert, Schimmel, Schubring (Hrsg.): Lyrik des Ostens, München: Carl Hanser Verlag 1965
Quelle


Selbstvergessenheit

ICH saß und trank und gab nicht acht auf das Dunkeln,
Bis Blütenblätter sich häuften in meines Gewandes Falten.
Trunken ging ich zum Strom und sah in des Mondlichts Funkeln -
Kein Vogel regte sich mehr, und am Ufer glitten nur wenig Gestalten.

Aus dem Chinesischen von Franziska Meister

Waley, Arthur: Chinesische Lyrik aus zwei Jahrtausenden, Hamburg: Marion von Schröder Verlag 1951
Quelle

Selbstvergessenheit

Der Strom - floß,
Der Mond vergoß,
Der Mond vergaß sein Licht - und ich vergaß
Mich selbst, als ich so saß
Beim Weine.
Die Vögel waren weit,
Das Leid war weit
Und Menschen gab es keine.

Aus dem Chinesischen von Klabund

Klabund: Chinesische Gedichte, Zürich: Phaidon Verlag AG 1958
Quelle

Spiegelbild

Mir wuchs es überlang,
Des Grames graues Haar.
Weiß nicht, wie Herbstreif kam
In meinem Spiegel klar.

Aus dem Chinesischen von Günter Eich

Gundert, Schimmel, Schubring (Hrsg.): Lyrik des Ostens, München: Carl Hanser Verlag 1965
Quelle