Gedichte über das Altern

 

 

Autor
Titel
Gedichtanfang
Anonym Mit sechsundsechzig Jahren An siebzig Jahren fehlen...
Arndt, Ernst Moritz Jugend und Alter Und in meiner Jugend...
Busch, Wilhelm Mümmelgreise Auch werden sie oft...
Busch, Wilhelm Wenn ich dereinst ganz alt... Wenn ich dereinst...
Claudius, Matthias Der Mensch Empfangen und genähret...
Goethe, Johann W. v. Das Alter Das Alter...
Grillparzer, Franz - Das Alter ist fürwahr...
Kokin-Shu Der unwillkommene Gast Das Alter ist ein trüber...
Melville, Herman Stille Quellen Flieht auch der Jugend...
Tomonori Das bleibende im Wandel Der Kirschbaum blühte...
Wjasemski, Pjotr Abendlicher Stern O Stern, der aus dem...
   

 

Anonym

Mit sechsundsechzig Jahren

An siebzig Jahren fehlen mir noch vier.
Lohnt sichs, von diesem Leben noch zu sprechen?
Die Trauer sucht mich heim bei fremden Tod,
Und wiederum frohlocke ich: Noch atme ich hier.

Wie kann man schwarz das Haupthaar sich bewahren?
Was ist zu tun, daß nicht das Aug sich trübt?
Von den Gefährten blieben Seelentafeln,
Indessen Knecht und Magd Urenkel wachsen sehn.

Im magern Kreuz drückt wie Metall die Schwere,
An den verfallnen Schläfen häuft sich Schnee.
Was tu ich, wenn sich die Gebrechen mehren?
Zeit ists, daß ich mich anvertrau dem Tor der Leere.

(Tang-Dynastie)

Aus dem Chinesischen von Günter Eich

------------------------------------------------------------------------------------------------------

Ernst Moritz Arndt

Jugend und Alter

Und in meiner Jugend schalt ich :
Wohin fliegst du, kühner Muth?
Wohin flammst du so gewaltig,
Du unstillbar wilde Gluth?
Himmelstürmende Gedanken,
Allertiefste Seelenpein,
Zwischen Erd' und Himmel schwanken,
Unruh, willst du ewig seyn?

Sehnsucht aus der Nacht zur Helle,
Aus der Helle hin zur Nacht,
Nenn ich's Himmel, nenn' ich's Hölle,
Was mich so unselig macht?
Wie ein Jagdhund auf der Fährte,
Der verschiednes Wildpret jagt,
Such ich auf der weiten Erde
Ein Verlornes, das mich plagt.

O du Engel, der die Pfade
Zu dem Paradies bewacht,
Aus dem Aufenthalt der Gnade
Adam auf den Schub gebracht, -
Künde, löse dem verlornen
Halbling zwischen Thier und Geist,
Dem für's Distelfeld Gebornen
Doch dieß Räthsel, wenn du's weißt!

[1835]


Quelle

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Wilhelm Busch

Mümmelgreise

Auch werden sie oft zum Mümmelmann,
denn Mümmelmänner, grau und kalt,
sind oft 70 Jahre alt.
Waschen selten sich mit Seife,
rauchen aus 'ner kalten Pfeife,
tragen meistens schäbige Hüte,
schnupfen aus der Tabakstüte.
Oft auch ist die Frau gestorben,
der Geschlechtstrieb ist verdorben,
und zum Wässern lediglich
dient der Schnibbeldiederich.
Zieht er dazu ihn heraus,
geht der Strahl nicht geradeaus,
und auch nicht im hohen Bogen
wirft er seine Wasserwogen.
Nein, ganz langsam, halb im Schlafe,
wie zum Ton der Äolsharfe,
und in größter Seelenruh'
wässert er sich auf die Schuh'.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Wilhelm Busch

Wenn ich dereinst

Wenn ich dereinst ganz alt und schwach,
Und's ist mal ein milder Sommertag,
So hink ich wohl aus dem kleinen Haus
Bis unter den Lindenbaum hinaus.
Da setz ich mich denn im Sonnenschein
Einsam und still auf die Bank von Stein,
Denk an vergangene Zeiten zurücke
Und schreibe mit meiner alten Krücke
Und mit der alten zitternden Hand
So vor mir in den Sand.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Matthias Claudius

Der Mensch

Empfangen und genähret
vom Weibe wunderbar,
kömmt er und sieht und höret
und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret
und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret,
hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret
und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar.
Und alles dieses währet,
wenns hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmt nimmer wieder.


Quelle

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Johann Wolfgang von Goethe

Das Alter

Das Alter ist ein höflich Mann:
Einmal übers andre klopft er an;
Aber nun sagt niemand: Herein!
Und vor der Türe will er nicht sein.
Da klinkt er auf, tritt ein so schnell,
Und nun heißt's, er sei ein grober Gesell.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Franz Grillparzer

Das Alter ist fürwahr beklagenswert -
Das wußt ich lang, doch heute fühl ichs erst.
Indes die andern jüngeren Genossen
Ihr Herzgefühl in frischem Wirken zeigten,
Bleibt mir ein Wünschen bloß, nur dürftig Wollen.
Der alte Kopf behält nun schwer das Wort,
Das andere ihm legten in den Mund;
Allein das Wort, das aus des Herzens Grund
Sich auf die Lippen drängt, das spricht sich leicht,
Und mög es euch genügen und gefallen:
Den Dank bring ich für alle und von allen.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Kokin-Shu

Der unwillkommene Gast

Das Alter ist ein trüber Gast,
Dem möcht ich gern entfliehen,
Und, wenn er zu Besuche kommt,
Mich solchem Gast entziehen;

Ich schließ die Tür und ruf hinaus:
"Verzeiht, ich bin grad nicht zu Haus!"


Aus dem Japanischen von Karl Florenz



Quelle

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Hermann Melville

Stille Quellen

Flieht auch der Jugend Glanz dahin,
Schau nicht die Welt mit irdschem Sinn,
Folg nicht der wetterwendschen Zeit!
Vor Überraschung bleib gefeit:
Steh, wo die Nachwelt stehen wird,
Steh, wo das Altertum einst stand;
Trink aus dem Urborn unbeirrt,
In stille Quellen tauch die hand.
Sei weise, weise, unverwandt.

Aus dem Englischen von Hans Hennecke

Jaspert, Reinhard (Hrsg): Lyrik der Welt, Berlin: Safari-Verlag 1960
Quelle

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Tomonori

Das bleibende im Wandel

Der Kirschbaum blühte, schwarz war mein Haar,
ich tanzte in der Gefährten Schar.

Der Kirschbaum blühte, grau war mein Haar,
und die Blüte war jung, wie sie damals war.

Auf eines lächelnden Gottes Geheiß
blüht er nun wieder.
Mein Haar ward weiß.


Aus dem Japanischen von?

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Pjotr Wjasemski

Abendlicher Stern

O Stern, der aus dem Abend blinkt,
O letzte Liebe, die erwacht,
Da meine Sonne zögernd sinkt!
O Trost, eh mich umfängt die Nacht!

Aus trunkener Jugendzeit - was blieb?
Die Leidenschaften dauern nicht.
Am Saum des Dunkels wird uns lieb
Gedämpfter Ton und halbes Licht.

Aus dem Russischen von Hans Baumann


Quelle