GESCHICHTEN
(am Rande und auf der Insel)

 

1. Junggeselle Hase

Es war ein herrlicher Sommertag, zum Heiraten wie geschaffen.
In den letzten Jahren häufen sich Straßenszenen mit dem ‚letzten Tag der Freiheit’ - Junggesellenabschiede laut, bunt, feucht.
Kurz vor Feierabend hüpfte der Pieper in der Kitteltasche - eine pünktliche Heimkehr hinwegschnarrend.
Einsatz: ‚Kollaps‘!
Nun, es kollabieren viele - in Erscheinung lebloser Körper bis hin zu Rollatoren, die an Teppichkanten samt ihrer Fahrzeugführer gestrauchelt sind.
Ziel: Paintballplatz Stralsund.
In der Anfahrt sahen wir wild gestikulierende junge Burschen, als Tragehilfen erschienen sie mir nur im ersten Moment willkommen.
Auf die Frage, wohin wir denn sollen, wurden wir von den mithüpfenden Burschen begleitet - - ich befürchtete das Schlimmste!
Die ‚Endstrecke‘ zum dem in Not Geratenen war zwar rutschig, aber ich musste nicht über die Eskaladierwände oder Stolperfallen springen, die sich da ebenso tummelten.

Endlich sahen wir ihn! Einen auf dem Boden liegenden schneeweißen Hasen: vom Sand bestreut, die Ohren genickt. Darunter das Gesicht eines werdenden Bräutigams - wunschlos glücklich,
wenn da nicht der Schmerz in der Hasenpfote gewesen wäre. Mein in die Stolperfalle geratener Hase liess brav den Bodycheck über sich ergehen, alle Vitalparameter waren tierisch normal.
Die Stimmung aller Teilhaber wurde angesichts fehlender Lebensgefahr und weiterhin bestehender Ehetauglichkeit noch ausgelassener: berauscht, wild posierend wurden rettungsdienstliche Equipments fotografiert,
natürlich auch die Variante Notärztin mit Hase. Jene hat ihm statt einer Möhre Schmerzmittel spendiert - so nahmen Spiel wie Einsatz ihren Lauf.
Schmunzelnd liess ich der Leitstelle die Anreise ‚mit der Hochzeitskutsche’ zur Notaufnahme melden: ‚Hase mit Sprunggelenksfraktur‘.
Die erste Verunsicherung in der Notaufnahme wechselte in schallendes Gelächter, als ‚Hase‘ auch auf der Trage einfuhr… noch hatte die Braut nichts mitbekommen. -

Das Hochzeitsalbum habe ich nie gesehen, doch ich weiß, dass der Bräutigam am nächsten Tag seiner Angebeteten das Jawort aber keinen Hochzeitstanz gab.

Und die Moral von der Geschicht’: Geh als Hase in die Ehe nicht!

2. Entbunden

 ‚Fahrt mal hin‘ - jene Einsatzpauschale widmete uns nachts die Leitstelle.
Auf unsere Nachfrage hin: ‚Ihr hört Genaueres unterwegs‘. Der Weg in ein bekanntes Sassnitzer Viertel war nicht weit. ‚Eine Entbindung‘ wurde uns nach drängelndem Nachfragen souffliert.
Nun ja, nicht gerade der Lieblingseinsatz einer Internistin. Doch da es weder für meinen Leib geschweige denn als Notärztin ein Novum war, beruhigte ich mich - es wird schon alles seinen Naturpfad finden.
Durch gedämpftes Hausflurlicht schnauften wir mit den Koffern die Treppen hinauf - rasch wurde uns die Tür von einem Mann geöffnet.
Da mir dieser ad hoc nicht zu entbinden schien, drängelten wir uns ins Wohnzimmer. Auf der Couch stand eine mit Wasser gefüllte Babybadewanne daneben lagen Handtücher, Mullbinden, Scheren.
Auf dem Tisch glimmte noch ein Rauchzeichen - ja, dem werdenden Vater gönnte ich die Zigarette durchaus. Doch weder ein Wimmern durch Wehen oder durch einen neuen Erdenbürger war zu hören, auch sahen wir keine Frau.
Ich fragte den leicht zitternden Vater, wo sie denn sei!
'Weggelaufen!’
Oje, welche Szenen mögen sich hier abgespielt haben, dass die Frau das Weite gesucht hatte.
Inzwischen traf die Polizei ein, doch von ihr konnte ich auch keine Entbindung, aber eine Suche erwarten.
Derweil versuchte ich Näheres vom zunehmend fahriger erscheinenden Mann zu erfahren. Fragen nach dem Mutterpass, Personalien seiner Frau konnte er nicht beantworten, sein Zeitgedächtnis schien mit der werdenden Vaterschaft geschwunden, seine Hände vibrierten, als er den Wohnzimmerschrank öffnete.
Doch statt Unterlagen lächelten uns freundlich halbleere Schnapsflaschen zu. Ein Verdacht keimte, ein ungutes Gefühl kam auf als die Polizei keine Frau fand.
Nachdem Nachbarn bestätigten, dass es keine Frau zu ihm gab, konnte ich mir inzwischen zwar den Zustand des Mannes als Delir erklären, aber wie weiter?
Drei Hürden gab es noch zu überwinden: wie ihm beibringen, dass er nicht Vater wird und ihn dafür ohne Aufwand in die Klinik einweisen?
Und die größte Hürde: Wie dies nächtens der Psychiatrie beibringen, dass sie ‚eine Entbindung‘ zu behandeln haben!
So liess ich den Vater in seinem Glauben - ‚klar muss ein werdender Vater zur Unterstützung in die Klinik‘ und nach einer genehmigten Zigarette davor stieg der nunmehr Patient denn Vater in den Rettungswagen ein.
Ich meldete der Diensthabenden Psychiaterin eine ‚Entbindung‘ an. Sie war nett, konnte gut zuhören, so vernahm ich ihr Lächeln durchs Telefon und ja, der ‚Vater‘ durfte direkt in die Psychiatrie-

3.Das Schwänzchen


Es war 23 Uhr, Zeit für die letzte Spritzenrunde; meist schliefen die Patienten schon, so dass ich leise das Zimmer betrat.
Etwas schlurfend und raschelnd, damit der Patient sich nicht von dem nächtlichen Angreifer auf seine Flexüle erschrak.
Ein Herr in den besten Jahren lugte aus der Bettdecke hervor, als ich mit der Kurzinfusion auf ihn zuging.
Dem kurzen Abgleich zwischen Namensschild und Bettinhalt erwiderte er lächelnd: ‚Ich habe aber keine Nadel mehr‘ und darauf gleich ‚es ist sowieso die letzte Infusion‘, morgen gehts nach Hause!'
'Na, dann brauchen Sie ja nur ein kleines Schwänzchen. ' entgegnete ich.
Gleichsam wie das Schwänzchen meinen Mund verlassen hatte, griente der Patient über alle aus dem Bett hervorlugenden Teile - natürlich hatte ich meinen Lapsus bemerkt, doch das Schwänzchen war gesprochen - - und rasch gelegt. -

Ihm zu sagen, dass die Nachtschwester dann kommen würde um ihm das Schwänzchen abzumachen, traute ich mich nicht.
Am nächsten Morgen begegnete ich dem Patienten erneut: Er fröhlich von der Dusche kommend, ein Handtuch zum Lendenschurz geschlagen: 'Frau Doktor, wären Sie mal mitgekommen, dann hätte sie das kleine Schwänzchen sehen können.'

Ich konnte mir ein salbungsvolles: 'Schade!' murmelnd nicht verkneifen…

 

4. Bockwurstduft und Adrekar (ein Leben aus der Sicht eine Schockraumes)

Ich bin ein (T)Raum und kann nur sein aus euch, von euch belebt:
Piepen aus bunten Kurven, Hämmern aus Bohrern oder all‘ den musikalischen Synkopen von Zweibeinern, die entweder auf Matten in mir liegen oder gesundendes tun oder so tun.
Ja, ich bin etwas besonderes! In zarter Vanille angehaucht, habe ich mehr als vier Ecken und eine Tür. Nur mein letztes Augen ist in meinem seligen Alter an braunen Star erblindet - einst sah ich auf die Weite eines strahlenden Sundes, jetzt haben Bretter, die wohl eine neue Welt bedeuten, mich vernagelt.
Was bleibt: ich muss mich nun auf mein Innenleben konzentrieren. Und da geht es hoch her! Ich habe vieles gespürt: Trauriges, Lallendes, Schnaufendes, beredte Stille- manchmal Ballungen von weißen Menschen, ich glaube sie nennen diese Versammlung Polytrauma.
Erst kommt einer, dann ganz viele! Mein Großvater aus dem Lazarett erzählte mir einmal, dass er so etwas noch aus den Krankensälen kenne, jetzt gibt es kaum noch die weiße Häubchenschlange wie er sie nannte.
Oft geht nur noch ein weißes Pärchen durch meine Brüder- und Schwesternzimmer. Da kann ich doch stolz sein, wenn so ein Stimmengewirr in mir summt.
Doch heute gab es wieder ein neues Erlebnis!
Es gab Adrekar mit Bockwurst! Nun ja, Adrekar kenne ich, meist war damit immer ein spannendes Raunen verbunden, doch heute erlebte ich beides!
An meinem vernagelten Fenster lag eine nette dünne Oma, die Adrekar als Hauptspeise bekam, daneben (wohl bautechnisch nicht wieder aus der Balance zu bringen) eine nahezu verhungerte drei Zentner in die Trage quietschendes Frau, die sich nichts sehnsüchtiger wünschte, als nach stundenlangem Warten in mir ihre gebrochene Wirbelsäule zu stärken!
Und da meine Brüder und Schwestern wieder einmal mit sich selbst beschäftigt waren, übernahm ich solidarisch.
Leckerer Bockwurstduft schlich sich durch meine sonst nicht so verwöhnte Nase, wohliges Schmatzen übertönte das nervenpiepende grünkurvige Flatterstakkatao von Oma.
Alle wirkten so glücklich, dass ich beschloss, wo ich doch nun ein Medira (Medizinisches Restaurant) geworden war, meinen Speiseplan zu erweitern:

Suprateller in Propofolie mit Traumakaffee ohne Nachttisch und zur Alternative für Selbstversorger: Adrehas (Adrenalin mit Hasenbrot)

Wohl bekomms, denn eines blieb mir noch: Ich bin nikotinfrei.