Kapitel 1 - Der Flug und das Bad der Zauberin
Weißt du, dass die Zauberin die Natur eines Käuzchens hat?
Lautlos fliegt sie durch die Nacht, als wenn Ballerinaschuhe auf Watte tanzen.
Sie fliegt gern, wenn Menschen schlafen. Doch ganz unbemerkt gelingt ihr das nicht immer.
Wenn der Wind unter ihren Flügeln kitzelt, summt sie leise
und ein kicherndes Schwirren gleitet durch die Wolken.
Die Menschen spüren das und träumen dadurch.
Nun ja, sie ist auf Eislandia angekommen, doch um auch am Tag unsichtbar zu sein,
musste sie sich erst in der blauen Lagune reinigen.
Sie badete im milchblauen heißen Wasser, ohne einen Menschen zu berühren
oder sich gar von ihm waschen zu lassen, denn sonst wäre sie entdeckt worden.
Ihr Gesicht salbte sie mit weißer Vulkancreme und nahm dadurch menschliche Gesichtszüge an.
Als sie gereinigt war, sah sie den Geysir, der mitten in der blauen Lagune sprudelte.
In ihm tanzten tausende und abertausende von Wassertröpfchen, hitzig und wild
dampfend in den Himmel aufsteigend.

Dort muss der Schlüssel liegen, damit Menschen auf Eislandia wieder tanzen können.
Idieh, die Zauberin in Menschengestalt, näherte sich dem Geysir.
Es wurde heißer und heißer, für Menschenhaut unerträglich.
So sehr sie sich auch mühte, sie konnte nicht in den Geysir steigen,
um den Zaubertanz an die Oberfläche zu holen.
Sie flehte ihn an, ihr doch zu verraten, wie der Tanz heißt,
doch der Geysir kochte nur weiter. Bis ein kleines schwarzes Lavasteinchen Idieh ins Ohr flüsterte:
'Du musst Eislandia umrunden, jeden Tag dabei ihre Schönheit entdecken.
Dann werden dir meine Lavageschwister einen Buchstaben nennen.
Hast du alle Buchstaben zusammen, in der richtigen Reihenfolge dreimal ausgerufen,
dann ist der Bann gebrochen, es werden Elfen geboren,
die den Eislandianern den Tanz lehren.'
Kapitel 2 – Die Zauberin im Land der dampfenden Erde
Wir erinnern uns: Die Zauberin muss Eislandia umrunden.
Doch weil der Schlüssel in der Vergangenheit liegt, musste sie es entgegen dem Uhrzeigersinn tun.
So nahm sie ein himmelblaues Pferd namens Yaris, streichelte ihn ganz sanft,
denn er hatte schon viele Blessuren, auf denen Pflaster ‚Reported' geklebt waren.

Als er von Idieh gestreichelt wurde, sprang er auf und ritt mit ihr der Sonne entgegen.
Bald trafen sie am Straßenrand Wiki, seine blauen Augen glitzerten in der Sonne,
doch sie lachten nicht.

Als Idieh ihn bat, den Weg zum ersten Buchstaben zu zeigen,
wies er mit seinem Kopf in eine Richtung, doch er blieb stumm und weiter wie angewurzelt stehen.
Da erkannte Idieh, wohin er zeigte – und schon zischte mit krachendem Getöse eine Fontäne
über zehn Meter in die Höhe, wirbelte Tröpfchen in die Luft,
als wollte sie eine neue Wolke am Himmel zaubern.

Idieh trat vorsichtig näher und nach einem schulterzuckenähnlichen Blubbern
fauchte es erneut - es war Strokkur, der Anführer.
Überall um ihn herum dampfte und blubberte es leise.

Idieh ging auf dem Feld umher, vorsichtig, denn es war so heiß,
dass man sich hätte die Füße zu Eisbeinen garen können.
Da kam Wind auf, schob die Dampfwolken beiseite und plötzlich sah Idieh einen Stein,
auf dem stand ‚GEYSIR'.

Sie war im Heimatland der Geysire angekommen.
Die Buchstaben tanzten und flimmerten vor ihren Augen,
sie legte ihre Hand auf den Stein und als sie das G berührte, wurde ihre Hand ganz warm.
Ja, es musste der Buchstabe G sein, der sich im Namen des Tanzes versteckte.
Kapitel 3 – Die Zauberin im Land der Wasserfälle
Alles, alles bewegt sich - - selbst das Nass findet einander wieder und so
fuhr die Zauberin weiter, um die Tropfen zu finden, die der Wind von Strokkur weiter getragen hatte.
Und wieder hörte sie ein gewaltiges Brausen, als würden eine Herde Ponys auf sie zureiten.
Sie kletterte mit Yaris den Berg hinauf und traute ihren Augen kaum!
Es war, als wären alle Wassertropfen dieser Welt zu einem Tanz vereint
und sie sangen Gullfoss, Gullfoss, der mit uns in die Tiefe schoss.
Sie bildeten Strudel und Wirbel, umschmiegten die Klippen
und spritzen so vergnügt, dass einzelne Tröpfchen wie Tau
an den zuschauenden Gräsern hängen blieben.

Doch nicht nur Idieh blieb fasziniert stehen, zu ihr gesellte sich eine alte Frau.
Sie musste so alt sein, dass sie vergessen hatte, ihre Jahre zu zählen.
Ihr schlohweißes Haar hatte sie zu einem langen Zopf zusammengebunden,
der fast den Boden berührte. Die Falten in ihrem Gesicht lächelten,
grübelten kaum noch und es war, als hätte sich das Leben persönlich in ihr Gesicht eingekerbt.
Gebannt schaute sie auf das Spiel von Wasser und Felsen: da kringelten sich Strudel,
bildeten sich magische Kreise und auf einmal wurde ihr klar:
Der Wasserfall schreibt Oooo in den Fluss – das musste der zweite Buchstabe sein.
