Fjodor Iwanovitsch Tjutschew
 
5.12.1803, Owstug (Gebiet Brjansk) -
27.7.1873, Zarskoje Selo (Puschkin)
 
Herbstabend Herbstabende voll weicher Helligkeit...
Letzte Liebe Wie an der Neige unsrer Zeit...

 
   

Herbstabend

Herbstabende voll weicher Helligkeit
Mit ihrem rührend rätselhaften Zauber...
Ein böser Glanz, der Bäume buntes Kleid,
Purpurner Blätter matt und leicht Geplauder;
Die Bläue ist so neblig, still und kühl,
Worunter die verwaiste Erde trauert,

Und - wie der nahen Stürme Vorgefühl -
Bisweil ein Windstoß jäh, der uns durchschauert;
Erschöpfung, Niedergang, doch überall
Das Lächeln sanft des Welkens und des Scheidens,
Das wir in des Verstandes Widerhall
Erkannt als die erhabne Scham des Leidens.

                              *

Am Himmel zog die Heilge Nacht herauf,
Den liebenswürdigen Tag der Fülle
Rollt sie wie einen goldnen Teppich auf,
Der Überm Abgrund lag als Hülle.
Und wie ein Gleichnis flieht die äußre Welt...
Gleich einer schutz- und obdachlosen Waise
Sieht schwach und nackt der Mensch sich dahingestellt
Auge in Aug vor dunklen Abgrunds Kreise.
Ganz auf sich selbst verlassen und allein,
Vom Geist verlassen, hilflos die Gedanken,
Sinkt er in seiner Seele Abgrund ein -
Und nirgends Halt, kein Stützpunkt, keine Schranken.
Und ihm erscheint wie langvergangner Traum,
Was man an lichtem Leben hier erwerbe,
Im fremden unenträtselt nächtgen Raum
Erkennt er so das schicksalvolle Erbe...


Letzte Liebe

Wie an der Neige unsrer Zeit
Wir zarter, abergläubischer lieben!
Als Abglanz der Vergänglichkeit
Ist, letzte Liebe, dein Strahl geblieben.

Den halben Himmel deckt die Nacht,
Und nur im Westen schweifen Lichter.
Verweile, verweile, du Abendpracht,
Verstrick mich, Zauber, dicht und dichter.

Mag spärlicher das Blut sich regen,
Doch voller Zartheit ist das Herz.
O letzte Liebe, Fluch und Segen
Und Glück und hoffnungsloser Schmerz.

[1854]

Aus dem Russischen von Gerhardt

Etkind, Efim (Hrsg.): Russische Lyrik, Gedichte aus drei Jahrhunderten, München: R. Piper&Co. Verlag 1981
Quelle

   
     
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