Dorffriedhof

mit Gelächter und Radio
mähen junge Leute
eine Wiese frei
für Fallobst
abseits
die geneigte Schale
im blassroten Mauerrand
drängeln Steinmale
glänzend geschliffen
nach ihrer Lücke
stockgestützt sucht
die alte Frau
hinter ihren Lippen
spazieren eingravierte
Namen noch einmal
[1996/1999]
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Gäste in Dwasieden 
Farne, Brombeeren und Königskerzen,
von gesprengten Schlössern träumend,
ziehen einen grünen Vorhang
über vergebliche Verheerung unter hellen Blößen im Kronendach der Buchen
gibt's kein Dach im Felde der Ruinen:
halb entsorgte, halb begrabene Betonskelette,
worin die Mordgeräte und Gefreiten lauerten Ameisen marschieren nun auf Asphaltstraßen
von der verdufteten Armee ist hinterblieben
nichtmal das Nationale und das Volk
bald schon gleichen Erdbunker den Hünengräbern Rostzäune und „Privatgelände“ sperren weiter aus
sei Urian, weide dich an Verfall
und Wildwuchs; lass die Hagebutten röten
in der blühendsten aller Landschaften [2004]
............................................................................................................................................. Ich bin ein Traum 
und kann nur sein aus dir.
Wie du erlebst
dein Grauen und die Wollust
in meinen Bildern,
bin ich lebendig,
wenn du mein Scheinen ansiehst
in Schlaf und Tag.
Denn sonst erlösche ich
in Morgens Bö.
[1985/1988]
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Irisbogen
untastbar am Horizont
feuchter transparenter Steg
Schlangenwechselbalg
von Sol und Donnerwolken
ergleißt durch luftige Haut
gelehnt an den Bauch
der Erde
Vision
verfolgt vorm
Erlöschen [1993/2003]
.............................................................................................................................................Jasmund stillt 
unterm Buchenbaldachin verstummt der Wind
streichle einen Hund und Rehe schauen zu
alle Wanderer verlaufen sich in Klippengründen
Verdämmern rieselt durch den grünen Pelz wie eine Schneeeule brütet Dunst auf der See
dazwischen leuchtet Kreide, wolkenschwer und bergeleicht
am Hünengrab verkriecht sich eine Natter
und langsam sinken Wurzeln in den Hang
den nimmersatt die Schaumzungen benaschen einen Speicher voll Bildern will ich ernten und
Träume an einen schlanken Stamm binden
bis sie fremde Mauern verzehren
singen sie Ja und halten zum Küssen still
[2004]
............................................................................................................................................. Schattenbindung
auf weißem Strand
übersät von Muschelschalen und Steinen
bilden wir uns ab
Hände reichen sich bloß
unsere Schatten
Busch der Gelegenheit
ist ein angespültes Astskelett
unter milchblauem Himmel
vor der eisblauen See
zwischen dimmernden Horizonten
und ganz allein
[2002]
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Sentimentalität
das letzte Mal hab ich geweint
als der Säbelzahntiger ausstarb
dieses herrliche geschmeidige grausame
lusthungrige Tier
dessen Fauchen Sturm war
und vorher glaub ich einmal
als alle Saurier verreckten
wegen der Eiszeit
oder wegen eines Sternabsturzes
denn es waren unersetzliche Bestien
und nun weine ich fast
weil du sagst
dass du mich brauchst
ich aber leider
nicht mehr zu
gebrauchen bin [1982]
............................................................................................................................................. sitzt auf lächelndem Stier
dem Buckel der Welt
raunt freundlich in seinen Bart
was nicht mehr sein kann
sei noch am wesen
was nicht mehr wese
sei das wesen -
lässt sich tragen
ins uralte Vergessen
ruhend im sanften Traben
lässt sich gleiten
ins entvölkerte Exil
ist kräftig leer
von beredter Stille
und wird weiter gebraucht
Laudzi
[1999/2003]
............................................................................................................................................. wie wir wandeln
die rund gespülten Steine
auf dem schmalen Weg
zwischen Felsen und Meer
her und hin geworfen sogar weich scheinen sie
im verschmolzenen Schatten
und rundum weiter als er
reicht unser leuchtender Blick
[2004]
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