Edgar Allan Poe
 
  19.1.1809, Boston - 7.10.1849, ebd.
 
Annabel Lee Das war vor manchem langen Jahr...
AN - - Man soll dich lieben...
AN - - Wie soll ich denn dein Herz regieren...
EIN TRAUM In dunkler Nacht ein Traumgesicht...
EIN TRAUM Laß die Stirn mich küssen dir...
VERSE AUFS ALE Schaumgebräu ins Glas laß tanken...
   

Annabel Lee

Das war vor manchem langen Jahr,
Im Königreich an der See,
Da lebt eine Maid, ihr wißt, wer es war,
Ihr Name war Annabel Lee.
Ich liebte sie, und sie liebte mich
Und lebte und hegte nur Liebe in sich.

Ich war ein Kind, und sie war ein Kind
Im Königreich an der See,
Da blies ein Wind und machte sie krank,
Meine schöne Annabel Lee,
So daß ihre adlige Sippe kam
Und nahm sie mir fort - - o weh! -
Und schloß sie in einer Grabstatt ein
Im Königreich an der See.

Die Engel waren nicht halb so glücklich
Wie wir, und Neid tut weh,
Ja, das war der Grund (wie jedermann weiß
Im Königreich an der See),
Daß nächtens der kalte Wind so blies
Und tötete meine Annabel Lee.

Aber unsere Liebe war viel stärker
Als die von viel Älteren gar
Und die von viel Weiseren war,
Und alle Engel im Himmel hoch
Und alle Dämonen der See,
Die trennen nicht meine Seele von ihr,
Von meiner Annabel Lee.

Kein Mond scheint mir ohne Träume von ihr,
Von der schönen Annabel Lee,
Kein Stern, der nicht ihrer Augen Licht
Mir strahlt, meiner Annabel Lee.
Und so liege ich Nachts zur Seite ihr traut -
Mein Liebling, mein Leben, mein Herz, meine Braut! -
Hier in ihrem Grab an der See,
Im Grab an der rauschenden See.

Aus dem Englischen von Toni Harten-Hoencke

Harten-Hoencke, Toni (Übersetzer): Amerikanische Lyrik (eingeleitet von F. Schönemann), München: Kunstwartverlag G. D.W. Callwey 1925
Quelle

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AN - -

Man soll dich lieben? - Irre nicht
Vom Weg, der dir gewiesen ist,
Mach, was du bist, zu deiner Pflicht,
Sei nichts, was du bist.
Dann wird dein Wesen von der Welt,
Wird Tugend, Jugend, Anmut
Gepriesen, weil es ihr gefällt,
Und Liebe wird dein Gut.

Aus dem Englischen von Karl Heinz Berger

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AN - -

Wie soll ich denn dein Herz regieren?
  Ach! Ich beherrsche meines nicht,
Auch mag ich nicht Gedanken rauben
  Dem, der allein dort herrscht und spricht;
Wir fühlen lebenslang die Liebe,
  Die lindert unsrer Seelen Pein;
Doch sollten wir nicht, edle Freundin,
  Einander das Zweitbeste sein?

Die Liebe, die von Trieben frei,
  Die süße, reine Zärtlichkeit,
Das Band, das freundlich hält umfangen
  Den Freund, den Bruder allezeit -
Dies ist der Bund, von mir erstrebt,
  Der doppelt Segen uns beschert:
Mit Liebe, die das Herz uns hebt,
  Und Freundschaft als zweitbestem Wert.

Aus dem Englischen von Karl Heinz Berger

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Ein Traum

Laß die Stirn mich küssen dir!
Und indem ich geh von hier,
Gönn dies Bekenntnis mir -
Du täuschest dich wohl kaum:
Meine Tage warn ein Traum;
Wenn die Hoffnung ist entflohn,
In den Tag, in die Vision,
In die Nacht, zu anderm Ort,
Ist sie darum weniger fort?
Was wir sehn und schaun,
Ist nur ein Traum in einem Traum.

Im wilden Tosen steh
Ich, und Sturm zerwühlt die See,
Halte still in meiner Hand
Körner vom goldnen Sand -
Sie rinnen ohne Halt
Durch den schmalen Fingerspalt -
Tränen kalt -Tränen kalt!
O Gott, kann ich den Rest
Nicht sicher halten fest?
Und rette ich kein Korn
Vor dieser Wogen Zorn?
Ist alles, was wir sehn und schaun,
Nur ein Traum in einem Traum?

Aus dem Englischen von Karl Heinz Berger

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Ein Traum

In dunkler Nacht ein Traumgesicht
    Wies mir entschwundnes Glück -
Ein Wachtraum aber von Leben und Licht
    Ließ Weh und Verzweiflung zurück.

Ach! was ist schon ein Traum am Tag
    Dem, dessen Blick nur streift
Die Welt, die ihn umgeben mag,
    Und in Vergangnes schweift?

Das holde Bild - das holde Bild
    Hat mich in wirrer Zeit
Mit wundersamen Glanz gestillt,
    Dem Einsamen Geleit.

Und bebt durch Nacht und Sturmesmacht
    Das Licht gleich zag von fern -
Hat je mir reineren Glanz gebracht
    Der Wahrheit Tagesstern?

Aus dem Englischen von Barbara Cramer-Neuhaus

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VERSE AUFS ALE

Schaumgebräu ins Glas laß tanken,
    Trocken stell ich's wieder hin.
Solche fröhlichen Gedanken
    Ranken sich durch meinen Sinn.
Phantasien - Sonderlinge
    Stelln sich ein und ziehen ab;
Was schert mich der Lauf der Dinge,
    Wenn ich Ale zu trinken hab!

Aus demEnglischen von Karl Heinz Berger

 
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