Christian Morgenstern
 
  6.5.1871, München - 31.3.1914, Meran
   
 
Anto-logie Im Anfang lebte, wie bekannt...
Bim, Bam, Bum Ein Glockenton fliegt durch die Nacht...
Das Gebet Die Rehlein beten zur Nacht...
Das Geburtslied Ein Kindelein...
Das große Lalula Kroklokwafzi? Semememi...
Das Huhn In der Bahnhofhalle...
Das Lied vom blonden Korken Ein blonder Korke spiegelt sich...
Das Mondschaf Das Mondschaf steht auf weiter Flur...
Das Nasobem Auf seinen Nasen schreitet...
Das Problem Der Zwölf-Elf kam auf sein...
Das Wasser Ohne Wort, ohne Wort...
Das Weihnachtsbäumlein Es war einmal ein Tännelein...
Der heroische Pudel Ein schwarzer Pudel, dessen Haar...
Der Schnupfen Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse...
Der Vergeß Er war voll Bildungshung...
Der Werwolf Ein Werwolf eines Nachts...
Die Beichte des Wurms Es lebte in einer Muschel...
Die beiden Flaschen Zwei Flaschen stehn auf einer...
- Die Sonne geht im Osten
Die Trichter Zwei Trichter wandeln durch die...
Die Unterhose Heilig ist die Unterhose...
Galgenberg Blödem Volke unverständlich...
Geburtsakt der Philosophie Erschrocken staunt der Herde...
Das große Lalula Kroklokwafzi? Semememi...
Lied Wenn so der erste feine Staub...
Unter Zeiten Das Perfekt und das Imperfekt...
Wenn es Winter wird Der See hat eine Haut...
Wer denn? Ich gehe tausend Jahre...
Zur Geburt Du magst dich drehn...
 
     

 

 

 

Anto-logie

Im Anfang lebte, wie bekannt,
als größter Säuger der Gig-ant.
Wobei gig eine Zahl ist, die
es nicht mehr gibt, - so groß war sie!
Doch jene Größe schwand wie Rauch.
Zeit gab's genug - und Zahlen auch.
Bis eines Tags, ein winzig Ding,
der Zwölef-ant das Reich empfing.
Wo blieb sein Reich? Wo blieb er selb?
Sein Bein wird im Museum gelb.
Zwar gab die gütige Natur
den Elef-anten uns dafur.
Doch ach, der Pulverpavian,
der Mensch voll Gier nach seinem Zahn,
erschießt ihn, statt ihm Zeit zu lassen,
zum Zehen-anten zu verblassen.
O "Klub zum Schutz der wilden Tiere",
hilf, daß der Mensch nicht ruiniere
die Sprossen dieser Riesenleiter,
die stets noch weiter führt und weiter!
Wie dankbar wird der Ant dir sein,
läßt du ihn wachsen und gedeihn,
bis er dereinst im Nebel hinten
als Null-ant wird stumm verschwinden.

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Bim, Bam, Bum

Ein Glockenton fliegt durch die Nacht,
als hätt' er Vogelflügel,
er fliegt in römischer Kirchentracht
wohl über Tal und Hügel.
Er sucht die Glockentönin BIM,
die ihm vorausgeflogen;
d. h. die Sache ist sehr schlimm,
sie hat ihn nämlich betrogen.
"O komm" so ruft er, "komm, dein BAM
erwartet dich voll Schmerzen.
Komm wieder, BIM, geliebtes Lamm,
dein BAM liebt dich von Herzen!"
Doch BIM, daß ihr's nur alle wißt,
hat sich dem BUM ergeben;
der ist zwar auch ein guter Christ,
allein das ist es eben.
Der BAM fliegt weiter durch die Nacht
wohl über Wald und Lichtung.
Doch, ach, er fliegt umsonst! Das macht,
er fliegt in falscher Richtung.

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Das Gebet

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Halb neun!
Halb zehn!
Halb elf!
Halb zwölf!
Zwölf!
Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Sie falten die kleinen Zehlein,
die Rehlein.

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Das Geburtslied

Ein Kindelein
im Windelein,
es macht schon
in die Bindelein.
Und um das Haus
oh Graus, oh Graus!
Da blasen
böse Windelein.


"Ein Mädelein!"
ruft Hedelein
und kneift ihm
in die Wädelein.
Doch ach am Haus
oh Graus, oh Graus!
Da wackeln
alle Lädelein.


Ein Eulelein
schiebts Mäulelein
vorbei am
Fenstersäulelein.
Es schreit ins Haus:
"Oh Graus, oh Graus!
Hörst Du
die Silbergäulelein?"

E in Würmelein
im Stürmelein
fliegt nieder
von dem Türmelein.
Es sagt im Haus:
"Es regnet drauß,
SO gebt mir doch
ein Schirmelein!"


O Kindelein
im Windelein
heut machst du noch
ins Bindelein.
Doch gehst du aus
im langen Flaus
wirst du
ein Vagebindel sein!

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Das große Lalula

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro - prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo...
Lalu lalu lalu lalu la!
Hontraruru miromente zasku zes rü rü?
Entepente, leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lalu 1a!
Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []
Lalu lalu lalu lalu la!

WKöhler, Peter (Hrsg.): Das Nonsens Buch, Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co. 1990
Quelle

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Das Huhn

In der Bahnhofhalle, nicht für es gebaut,
geht ein Huhn
hin und her ...
Wo, wo ist der Herr Stationsvorsteh'r?
Wird dem Huhn
man nichts tun?
Hoffen wir es! Sagen wir es laut:
daß ihm unsre Sympathie gehört,
selbst an dieser Stätte, wo es - "stört"!

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Das Lied vom blonden Korken

Ein blonder Korke spiegelt sich
in einem Lacktablett -
allein er säh' sich dennoch nich',
selbst wenn er Augen hätt'!
Das macht, dieweil er senkrecht steigt
zu seinem Spiegelbild!
Wenn man ihn freilich seitwärts neigt,
zerfällt, was oben gilt.
O Mensch, gesetzt, du spiegelst dich
im, sagen wir, - im All!
Und senkrecht! - wärest du dann nich'
ganz in demselben Fall?

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Das Mondschaf

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der großen Schur.
Das Mondschaf.
Das Mondschaf rupft sich einen Halm
und geht dann heim auf seine Alm.
Das Mondschaf.
Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
"Ich bin des Weltalls dunkler Raum."
Das Mondschaf.
Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist weiß, die Sonn' ist rot.
Das Mondschaf.

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Das Nasobem

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobem,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.
Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.
Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobem.

Brode, Hanspeter: Deutsche Lyrik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuchverlag 1990
Quelle

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Das Problem

Der Zwölf-Elf kam auf sein Problem
und sprach: "Ich heiße unbequem.
Als hieß ich etwa Drei-Vier
statt Sieben - Gott verzeih mir!"

Und siehe da, der Zwölf-Elf nannt sich
von jenem Tag ab Dreiundzwanzig.

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Das Wasser

Ohne Wort, ohne Wort
rinnt das Wasser immer fort
andernfalls, andernfalls
spräch es doch nichts andres als:

Bier und Brot, lieb und Treu, -
und das wäre auch nicht neu.
Dieses zeigt, dieses zeigt,
dass das Wasser besser schweigt.


Quelle

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Das Weihnachtsbäumlein

Es war einmal ein Tännelein
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün
als fing es eben an zu blühn.

Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stands im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
die grünen Nadeln warn'n verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.

Bis eines Tags der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm -
Hei! Tats da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.

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Der heroische Pudel

Ein schwarzer Pudel, dessen Haar
des Abends noch wie Kohle war,
betrübte sich so höllenheiß,
weil seine Dame Flügel spielte,
trotzdem er heulte: dass (o Preis
dem Schmerz, der solchen Sieg erzielte!)
er beim Gekräh der Morgenhähne
aufstand als wie ein hoher Greis -
mit einer silberweißen Mähne.

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Der Schnupfen

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
auf dass er sich ein Opfer fasse

-und stürzt alsbald mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.

Paul Schrimm erwidert prompt: "Pitschü!"
und hat ihn drauf bis Montag früh.

Heckmann, Herbert, Krüger, Michael (Hrsg.): Die schönsten deutschen Kindergedichte, München: Carl Hanser Verlag 1974
Quelle

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Der Vergeß

Er war voll Bildungshung, indes,
soviel er las
und Wissen aß,
er blieb zugleich ein Unverbeß,
ein Unver, sag ich, als Vergeß;
ein Sieb aus Glas,
ein Netz aus Gras,
ein Vielfreß -
doch kein Haltefraß?

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Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

"Der Werwolf" -- sprach der gute Mann,
"des Weswolfs", Genitiv sodann,
"dem Wemwolf", Dativ, wie man's nennt,
"den Wenwolf", -- "damit hat's ein End".

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
doch "Wer" gäb's nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind --
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

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Die Beichte des Wurms

Es lebte in einer Muschel
ein Wurm gar seltner Art;
der hat mir mit Getuschel
sein Herz offenbart.

Sein armes kleines Herze,
hei, wie das flog und schlug!
Ihr denket wohl, ich scherze?
Ach, denket nicht so klug.

Es lebt in einer Muschel
ein Wurm gar seltner Art
der hat mir mit Getuschel
sein Herze offenbart.

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Die beiden Flaschen

Zwei Flaschen stehn auf einer Bank,
die eine dick, die andre schlank.
Sie möchten gerne heiraten.
Doch wer soll ihnen beiraten?

Mit ihrem Doppel-Auge leiden
sie auf zum blauen Firmament...
Doch niemand kommt herabgerennt
und kopuliert die beiden.

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Die Sonne geht im Osten auf,
der Osterhas' beginnt den Lauf.
Um seinen Korb voll Eier sitzen
drei Häslein, die die Ohren spitzen.

Der Osterhas' bringt just ein Ei -
da fliegt ein Schmetterling herbei.
Dahinter strahlt das blaue Meer
mit Sandstrand vorne und umher.

Der Osterhas' ist eben fertig -
das Kurtchen auch schon gegenwärtig!
Nesthäckchen fuindet-eins, zwei, drei,
ein rot, ein blau, ein lila Ei.

Ein Ei in jedem Blumenkelche!
Seht, seht, selbst hier, selbst dort sind welche!
Ermüdt leicht im Morgenschein
schlief Kurtchen auf der Wiese ein.

Die Glocken läuten bim, bam, baum,
und Kurtchen lächelt zart im Traum.
Di di didl dum dei,
wir tanzen mit unsern Hasen
umgefaßt, zwei und zwei,
auf schönem, grünen Rasen.

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Die Trichter

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfes verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u.s.
w.

 

Brode, Hanspeter: Deutsche Lyrik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuchverlag 1990
Quelle

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Die Unterhose

Heilig ist die Unterhose,
wenn sie sich in Sonn und Wind,
frei von ihrem Alltagslose,
auf ihr wahres Selbst besinnt.

Fröhlich ledig der Blamage
steter Souterränität,
wirkt am Seil sie als Staffage,
wie ein Segel leicht gebläht.

Keinen Tropus ihr zum Ruhme
spart des Malers Kompetenz,
preist sie seine treuste Blume
Sommer, Winter, Herbst und Lenz.

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Galgenberg

Blödem Volke unverständlich
treiben wir des Lebens Spiel.
Gerade das, was unabwendlich,
fruchtet unserm Spott als Ziel.

Magst es Kinder-Rache nennen
an des Daseins tiefem Ernst;
wirst das Leben besser kennen,
wenn du uns verstehen lernst.

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Geburtsakt der Philosophie

Erschrocken staunt der Heide Schaf mich an,
als sähs in mir den ersten Menschenmann.
Sein Blick steckt an; wir stehen wie im Schlaf:
mir ist, ich säh zum ersten Mal ein Schaf.

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Lied

Wenn so der erste feine Staub
des Sommers auf die Blätter fällt -
dann ade, du Frühlingswelt!
Dann ade, du junges Laub! -
Ach, wie sterben die Frühlinge schnelle!

Wenn erst das Auge sich versöhnt
mit all dem Grün und Weiß und Rot,
da beginnt des Frühlings Tod,
da versommern wir verwöhnt...
Ach, wie sterben die Frühlinge schnelle!

Und dann schauen wir vom Hügel,
wie das Land sich müde sonnt...
Leblos steht ein Mühlenflügel,
wie ein Kreuz, am Horizont - -.
Ach, wie sterben die Frühlinge schnelle!



Quelle

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Unter Zeiten

Das Perfekt und das Imperfekt
tranken Sekt.
Sie stießen aufs Futurum an
(was man wohl gelten lassen kann).

Pluquamper und Exaktfutur
blinzten nur.

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Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein grosser Fisch geschwommen,
so stösst er mit der Nase an.

Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
und titscher - titscher - titscher - dirr...
Heißa, du lustiger Kieselstein!

Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen -
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draussen liegen.

Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
doch sosehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.

Aber bald, aber bald
werden wir selbst auf eignen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wiederholen.

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Wer denn?

Ich gehe tausend Jahre
um einen kleinen Teich,
und jedes meiner Haare
bleibt sich im Wesen gleich,

im Wesen wie im Guten,
das ist doch alles eins;
so mag uns Gott behuten
in dieser Welt des Scheins!

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Zur Geburt

Du magst dich drehn und wenden, wie du willst,
du wirst erkannt und das ist dein Gericht,
und wenn nur einer dich erkennt - genug.
So mancher sieht sich vor sein Leben lang,
verwischt die Spur, verschleiert Wort und Blick,
allein, du bist nur immer Einer, Mensch,
dein Kleines liegt nicht hier, dein Großes dort,
und wie sich's mischt - auch ohne, daß du's weißt,
so bist du und so wirst du einst erkannt.


   
     
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