Michael Jurjewitsch Lermontow
 
15.10.1814, Moskau - 27.7.1841, Pjatigorsk

 
Becher des Lebens
Wir heben ihn mit blinder Hand...
Silhouette Ich nahm dein Schattenbild
-
O, Worte, an Inhalt...
- Wir trennten uns...

 
   

Becher des Lebens

Wir heben ihn mit blinder Hand
Zum Mund, wir trinken, wähnen,
Von Wein sei feucht der goldene Rand -
Er ist benetzt mit Tränen.

Erst wenn der Tod den Schleier löst
Auf seiner stummen Runde;
Dann zeigt der Becher sich entblößt,
Der Blick dringt bis zum Grunde.

Wir sehn, daß im Gefäß nur Raum,
Nur Leere, pures Innen,
Befangensein in Wahn und Traum,
Nichts Eigenes, kein Entrinnen.

Aus dem Russischen von Hans Baumann

Baumann, Hans: Russische Lyrik 1185-1963, Gütersloh: Sigbert Mohn Verlag 1963
Quelle

Silhouette

Ich nahm dein Schattenbild mir vor,
Ich liebe seinen Trauerflor;
Es hängt an meiner Brust als Zier
So dunkel wie das Herz in ihr.

Die Augen leblos, ohne Schein,
Doch dafür sind sie ewig mein;
Ich liebe es, und ist es nur
Dein Schatten, meiner Liebe Spur.

[1831]

Aus dem Russischen von Karl Dedecius

Dedecius, Karl: Mein Rußland in Gedichten, München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG 2003
Quelle


O, Worte, an Inhalt
Kaum klar, ja oft kläglich,
Wo immer ihr hinfallt,
Erregt ihr unsäglich.

Wie fühlt man drin schweben
Den Rausch des Verlangens!
Des Wiedersehns Beben,
Die Tränen des Bangens.

Nie klingen zusammen
An irdischen Orte
Aus Lichtern und Flammen
Geborene Worte;

Im Dom doch, im Feld doch,
Wo immer er käme,
Der Klang überfällt noch,
Kaum ich ihn vernehme;

Nicht bet ich zu Ende -
Ich antwort verwegen
Und werf mich behende
Aus Kampf ihm entgegen.

Aus dem Russischen von Johannes von Guenther

Guenther, Johannes von (Hrsg.): Unsterbliches Saitenspiel, Frankfurt/M. Im Verlag Das Goldene Vlies GmbH 1956
Quelle


Wir trennten uns. Dein Bild blieb klar
Und unversehrt in mir zurück.
Umglänzt von dem, was einmal war,
Erhellt es mir das Herz und Glück.

Viel reißt der Leidenschaften Strom
Dahin. Dein Bild hat er verschont.
Der Dom, verlassen, ist noch Dom,
Der Gott noch Gott, wenn auch entthront.

Aus dem Russischen von Hans Baumann

Baumann, Hans: Russische Lyrik 1185-1963, Gütersloh: Sigbert Mohn Verlag 1963
Quelle



   
     
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