Laotse

(Lao Tzu, Laozi, chin.: laudzi=Alter Meister)

im 4. oder 3. Jhd.
 
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     Legendärer chines. Philosoph, der nach neueren Datierungsversuchen im 4. o.3. Jhd. 
(nicht im 6.Jhd., wie die chinesische Überlieferung meint) lebte.
Das ihm zugeschriebene 'Buch vom Weg und von der Tugend' entstand zwischen 300 und 250. In 81 spruchartigen Abschnitten entwickelt es eine Lehre vom Urprinzip Tao und dessen schöpferischem
Wirken in der Welt, dem Rückzug aus der menschlichen Gesellschaft und dem Nichteingreifen in die Natur. Moderne Forscher halten Laotse für eine sagenhafte Gestalt, andere glauben, dass der im 4.Jhd. lebende
Einsiedler-Philosoph Li Erh den Beinamen Laotse hatte. Die Legende behauptet, dass die 81jährige Mutter Laotses durch einen Sonnenstrahl geschwängert wurde,
nach weiteren 81 Jahren soll ihr Kind dann aus ihrer Hüfte geboren worden sein. Am Ende seines Lebens wollte Laotse auf einem schwarzen Ochsen reitend China verlassen.
Der Kommandant des Grenzpasses soll ihn aber vorher noch zum Niederschreiben seiner Gedanken
über Welt und Leben aufgefordert haben. Es ranken sich viele Sagen um Laotse und die Entstehung des Tao,
möglicherweise ist es ein aus vielen Quellen zusammengetragenes Werk. Dieses zählt zu den besten Werken
chinesischer Literatur und ist wegen seiner kulturkritischen Haltung und seiner mystischen Tendenzen
zu dem am meisten übersetzten chinesischen Werk im europäischen Sprachraum geworden.
Die Übersetzungen des Tao sind vielfältig und die Bedeutung der Worte umstritten, selbst das Wort 'Tao'
wird unterschiedlich interpretiert. (Weg, Gott, Namenlos, Unfassbar, aller Wesen Ahnherr, Mutter der Dinge,
Führerin, Urgrund der Welt usw.)
 
 
     
Tao Te King (in einer Übersetzung von Hans J. Knospe und Odette Brändli)
         
[1]

Der Weg, von dem wir sprechen können,
ist nicht der ewige Weg;
der Name, den wir nennen können,
ist nicht der ewige Name.
Das Namenlose ist der Anfang
von Himmel und Erde;
das Namentragende ist die Mutter
der zehntausend Dinge.

Wer wunschlos ist
kann das Wunder des Weges erkennen;
wer Wünsche hat,
wird nur Scheinbares entdecken.
Diese beiden entspringen der gleichen Quelle,
aber sie tragen verschiedene Namen.
In ihrer Einheit sind sie ein Geheimnis,
ein unendliches Geheimnis -
das Tor aller Wunder.


[2]

Unter diesem Himmel
können alle Menschen das Schöne als schön erkennen,
denn es gibt ja auch das Hässliche;
alle Menschen können das Gute als gut erkennen,
denn es gibt ja auch das Böse.
Sein und Nichtsein erzeugen einander,
Schwieriges und Einfaches ergänzen sich,
lang und kurz gestalten einander,
hoch und tief streben zueinander,
Stimme und Klang harmonieren miteinander
Vorderseite und Rückseite folgen einander.

Deshalb verweilt der Weise
bei allem, was er tut im Nicht-Tun
und lehrt nicht durch Worte.

Die zehntausend Dinge gehen aus dem Weg hervor,
doch er erhebt keinen Anspruch auf Macht;
er schenkt ihnen Leben,
doch er erhebt keinen Anspruch auf Besitz;
er hilft ihnen,
doch er verlangt keinen Dank;
er vollendet sein Werk,
doch er erhebt keinen Anspruch auf Ehre.
Weil er keinen Anspruch auf Ehre erebt,
kommt ihm stets Ehre zu.


[3]

Wer Menschen, die Ansehen geniessen, nicht ehrt,
bewirkt, daß das Volk nicht streitet;
wer schwer zu erlangenden Gütern keinen Wert beimisst,
bewirkt, dass das Volk nicht stiehlt;
wer Begehrenswertes nicht zur Schau stellt,
bewirkt, daß die Herzen des Volkes nicht in Verwirrung geraten.
Deshalb lehrt der Weise die Herzen,
wenn er das Volk regiert,
doch erfüllt die Bäuche;
er schwächt den Willen,
doch er stärkt die Knochen.
Er bewirkt, daß das Volk
ohne Wissen und ohne Wünsche bleibt,
und sorgt dafür, daß die Besserwisser
sich nicht einzumischen wagen.

Verweile bei allem, was Du tust, im Nicht-Tun,
und es wird Ordnung herrschen.


[4]

Der Weg ist wie ein leeres Gefäss,
man schöpft aus ihm,
doch er bleibt unerschöpflich.
Es ist ein Abgrund,
der Ursprung der zehntausend Dinge.

Er mildert die Schärfen,
löst die Knoten,
schwächt den blendenden Glanz,
wischt den Staub fort.

Der Weg verbirgt sich,
aber er ist immer gegenwärtig.
Ich weiss nicht, woher er kommt.
Er ist das ursprüngliche Bild vom Ursprung des Himmels.

[5]

Himmel und Erde nehmen keine Rücksicht
und behandeln die zehntausend Dinge
wie Opfertiere aus Stroh;
der Weise nimmt keine Rücksicht
und behandelt die Menschen
wie Opfertiere aus Stroh.

Der Raum zwischen Himmel und Erde
ist wie ein Blasebalg:
leer und doch unerschöpflich;
je mehr man drückt,
desto mehr kommt heraus.

Viele Worte führen unweigerlich zum Schweigen,
es ist besser beim Nichts zu bleiben.

[6]

Der Geist des Tals stirbt nie.
Es ist die weiblich-ursprüngliche Mutter.
Ihr Tor ist die Wurzel
von Himmel und Erde.
Er verbirgt sich,
aber er ist immer gegenwärtig.
Man schöpft aus ihm,
doch er bleibt unerschöpflich.


[7]

Himmel und Erde überdauern alle Zeit.
Sie überdauern alle Zeit,
weil sie nicht um ihrer selbst willen leben.
Deshalb können sie immer leben.

Der Weise tritt zurück,
und gerade deshalb ist er so weit voraus.
Er gibt sein Selbst auf,
und gerade deshalb bleibt es erhalten.
Weil er sein selbst vergisst,
kann er sein selbst finden.

[8]

Das höchste Gut gleicht dem Wasser.
Weil Wasser den zehntausend Dingen nützt,
ohne mit ihnen zu streiten,
und selbst dahin fließt,
wo kein Mensch sein mag,
kommt es dem Weg nahe.

Beim Wohnen ist der geeignete Platz wesentlich,
beim Denken die Tiefe,
beim Umgang mit anderen die Güte,
beim Reden die Ehrlichkeit,
beim Regieren die Gerechtigkeit,
beim Arbeiten das Können,
beim Handeln der richtige Zeitpunkt.

Wo kein Streit ist, da ist auch keine Schuld.

[9]
Es ist besser,
ein Glas nur halb zu füllen
und nicht bis zum Rand.

Wenn die Klinge zu scharf ist,
ist sie schnell wieder stumpf;
wenn ein Laden voller Gold und Edelsteine ist,
ist es fast unmöglich ihn zu schützen;
wer nach Titeln und Ruhm strebt,
dem folgt das Unglück ganz von selbst.

Zieh Dich zurück,
wenn die Arbeit getan ist:
Das ist der Weg des Himmels.


Kannst Du die Gegensätze in Dir vereinigen
und die Einheit umfangen, ohne loszulassen?
Kannst Du Dich auf Deinen Atem konzentrieren
und zart werden wie ein Säugling?
Kannst Du den dunklen Spiegel in Dir reinigen
und ihn makellos erhalten?
Kannst Du die Menschen lieben
und den Staat regieren
und beim Nicht-Tun bleiben?
Wenn sich die Tore des Himmels öffnen und schliessen,
kannst Du dann bei der Rolle des Weiblichen verweilen?
Wenn Deine Erleuchtung alles durchdringt,
kannst Du dann ohne Wissen bleiben?

Der Weg schenkt den zehntausend Dingen Leben,
und er ernährt sie;
er schenkt ihnen Leben,
doch er erhebt keinen Anspruch auf Besitz;
er hilft Ihnen,
doch er verlangt keinen Dank;
er ist der Meister,
doch er übt keine Macht aus.
Dies nennt man ursprüngliche Tugend.

Dreissig Speichen gehören zu einer Nabe,
doch erst durch das Nichts in der Mitte
kann man sie verwenden;
man formt Ton zu einem Gefäss,
doch erst durch das Nichts im Innern kann man es benutzen;
man macht Fenster und Türen für das Haus,
doch esrt durch ihr Nichts in den Öffnungen
erhält das Haus einen Sinn.

Somit entsteht Gewinn
durch das, was da ist,
erst durch das, was nicht da ist.

[12]

Die fünf Farben machen das Auge blind;
die fünf Töne machen das Ohr taub;
die fünf Geschmacksarten machen den Gaumen unempfindlich;
Rennen und Jagen machen den Geist verrückt;
schwer zu erlangende Güter verwirren das Herz.

Deshalb ist der Weise für den Bauch
und nicht für das Auge.
Er läßt das eine
und zieht das andere vor.


Gnade und Ungnade sind was Erschreckendes;
Ehre ist wie der Körper einer Quelle vieler Sorgen.

Was heisst denn:
Gnade und Ungnade sind was Erschreckendes?
Wird jemanden eine Gnade erwiesen,
ist das genauso erschreckend,
wie wenn sie ihm entzogen wird.
Das heisst:
Gnade und Ungnade sind etwas Erschreckendes.
Was heisst denn:
Ehre ist wie der Körper einer Quelle vieler Sorgen.
Ich habe Sorgen, weil ich einen Körper habe.
Bin ich erst ohne Körper, wie sollte ich da Sorgen haben?

Darum:
Wer seinen Körper mehr achtet
als die Herrschaft über das Reich,
dem kann das Reich anvertraut werden.
Wer seinen Körper mehr liebt
als die Herrschaft über das Reich,
dem kann das reich übergeben werden.


[14]

Schau hin - Du wirst es nicht sehen -
man nennt es unsichtbar.
Horche, du wirst es nicht hören-
man nennt es unhörbar.
Greif danach, du wirst es nicht fassen-
man nennt es: unfassbar.

Diese drei sind unergründlich,
deshalb sind sie zu einem Einzigen miteinander verbunden.
Es strahlt nicht von oben,
und doch ist es von unten her nicht dunkel.
Wie ein unendlicher Faden,
und doch nicht zu beschreiben.
Es kehre zurück ins Nichts.
Man nennt es die Gestalt des Gestaltlosen,
das Bild des Wesenslosen;
unvorstellbar
und jenseits aller Phantasie.
Du stehst davor, doch Du siehst sein Gesicht nicht,
du folgst ihm, doch Du siehst seinen Rücken nicht.

Bleib auf dem uralten Weg,
um das Reich der Gegenwart zu meistern.
Die Fähigkeit, den Anfang allen Seins zu erkennen,
nennt man den Faden der sich durch den Weg zieht.

[15]

Die wegkundigen Meister der Antike
waren feinfühlig, geheimnisvoll verstehend
und zu tiefgründig, um verstanden zu werden.
Weil sie nicht verstanden wurden,
kann nur ihr Verhalten beschrieben werden:
zögernd und vorsichtig
wie Leute,die im Winter über das gefrorene Wasser gehen;
wachsam
wie Menschen, die ihre Nachbarn fürchten;
zurückhaltend
wie ein Gast;
nachgiebig
wie schmelzendes Eis;
schlicht und einfach
wie ein unbehauener Holzklotz;
weit und leer
wie ein Tal;
undurchsichtig
wie schlammiges Gewässer.

Wer kann schon ruhig warten,
bis sich der Schlamm gesetzt hat?
Wer kann das Ruhende bewegen,
bis es allmählich belebt?

Wer dem uralten Weg folgt,
strebt nicht nach Fülle.
Weil er ohne Fülle bleibt,
kann er zwar wie abgetragen
und dennoch erneuert sein.

[16]

Ich tue mein Äußerstes, um leer zu werden,
und versenke mich tief in Stille.
Die zehntausend Dinge kommen und gehen,
wenn Dein Selbst drauf achtet.
Sie wachsen und bühen
und kehren zu ihrem Ursprung zurück.
Zum Ursprung zurückkehren heisst:
in die Stille gehen.
In die Stille gehen heisst:
zu seiner Bestimmung zurückzukehren.
Zu seiner Bestimmung zurückzukehren heisst:
das Ewige zu erkennen heisst:erleuchtet zu sein.

Weh dem, der mit Absicht handelt, ohne das
Ewige zu erkennen!
Doch wer das Ewige erkennt und danach handelt,
dessen Tun führt zu Gerechtigkeit,
Gerechtigkeit zu einem königlichen Wesen,
das königliche Wesen zum Himmel,
der Himmel zum Weg,
der Weg zur Ewigkeit.

Auch wenn der Körper stirbt -
der Weg währt ewig.

[17]

Den allerhöchsten Herrscher
können die Menschen nur ahnen
dann erst kommt der, den sie kennen und lieben;

dann der, den sie fürchten;
dann der den sie verachten.

Wer nicht genug Vertrauen hat,
dem wird man auch nicht vertrauen.
Es spricht zögernd
und geht nicht leichtfertig mit Worten um.
Ist sein Werk vollendet und seine Arbeit getan,
so sagen alle Menschen:
Es geschah wie von selbst.

[18]

Wird der grosse Weg nicht mehr benutzt,
gibt es Güte und Gerechtigkeit;
wenn die Klugheit auftaucht,
gibt es grosse Heuchelei;
wenn zwischen den sechs Verwandten Zwist herrscht,
gibt es pflichtbewusste Kinder;
wenn der Staat unwissend ist, gibt es treue Beamte.

[19)

Gib die Heiligkeit auf
und verzichte auf Weisheit;
das ist für alle hundertmal besser.

Gib die Güte auf
und verzichte auf Gerechtigkeit,
und alle Menschen werden die Liebe neu entdecken.
Gib die Findigkeit auf
und verzichte auf Gewinnsucht,
und Räuber und Diebe werden verschwinden.

Mit diesen drei, die falscher Schmuck sind,
ist es nicht genug;
die Menschen müssen etwas haben,
das ihnen Halt gibt:
Entfalte das Schlichte und mach dir das Wesen
des unbehauenen Holzklotzes zu eigen,
vermindere deine Selbstsucht
und gib auf die Begierden.

[20]


.....Die Arbeit ist das Ziel....

 

Lao Tse, Tao te King übertragen von Hans Knospe und Odette Brändli, Diogenes Verlag 1985
Quelle

(c) Hans J. Knospe
Mit freundlicher Genehmigung des Autors; Danke!

         
       
         
       
         
       
         
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