Der von Kürenberg
 
Um 1150/60, Bayern/Österreich

 
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Ich zog mir einen Falken...

 
   

Ich zog mir einen Falken
Länger als ein Jahr.
Als ich gezähmt ihn hatte
und er lieb mir war
Und ich um sein Gefieder
Goldene Zierat wand,
Da hob er sich in die Lüfte
Und flog in ein anderes Land.

Seitdem seh' ich den Falken
Schön fliegen über die Länder,
Er tragt an seinem Fuße
Seidene Bänder,
Indes im Licht seine Flügel
Golden sich dehnen.
Gott sende gnädig zusammen,
Die sich nach Liebe sehnen.

[um 1160]

Übertragen von Wilhelm Scholz

[1779]



Extra Ecclesiam nulla salus

Kein Heil ist außer mir!
`Der Kirche, die das lehrt,
Glaubt Mancher nicht so viel,
der selbst zu ihr gehört.–
Nichts wußte man vor uns von Wahrheit und von Tugend!
Glaubt doch den Kritischen für jetzt die liebe Jugend.–
Nur die sind frei, die wir beherrschen und berauben!
Das soll die ganze Welt den Freiheitsbringern glauben.

Killy, Walther: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart, München: Deutscher Taschenbuchverlag GmbH &Co. 2001
Quelle


Die reisenden Deutschen

Der deutsche Edelmann, der reiche Kaufmannssohn
Spielt in Paris den Grafen, den Baron,
Lernt da sein Geld mit Artigkeit verzehren,
Und Frankreich leckt den deutschen Bären.

Bärinnen reisen nicht. Welch grausames Verbot!
Doch Frankreichs Höflichkeit hilft ihnen aus der Noth.
Ein Heer von seinen Heldensöhnen
Geht über unsern Rhein, und leckt die deutschen Schönen.

Killy, Walther: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart, München: Deutscher Taschenbuchverlag GmbH &Co. 2001
Quelle


Die veränderlichen Triebe

Nach Puppen wird das Kind sich sehnen,
Der muntre Jüngling nach der Schönen,
Der Ruhm erhitzt des Mannes Fleiß,
Und Gold begehrt der matte Greis.
Bey so veränderlichen Trieben,
wer wird sein wahres Glücke lieben?
Nur der, der Schönen Ruhm und Geld
Für Puppen der Erwachsnen hält.

Killy, Walther: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart, München: Deutscher Taschenbuchverlag GmbH &Co. 2001
Quelle


Der verhehlte Geburtstag

Den Tag verhehlt die Schöne mit Bedacht,
Der um ein Jahr sie älter macht;
Doch nie wird sie veraltert seyn,
Nimmt sie wie du, durch Witz und Tugend ein.


Pflichten eines Dichters

....Auszug.....

Laß dich den Pöbel nicht zur Unvernunft verführen.
Dein Lied muß den Geschmack, nicht der dein Lied regieren.
Sey sanftem Klange hold, doch starkem Ausdruck mehr;
Nur dass das Herze fühlt, ergötze das Gehör.
Schreib, dass dich die verstehn,
die Witz und Dichtkunst kennen;
Wer jedes Carmen liest, den laß dich dunkel nennen.
Dein Scherz sey von der Art, die den Verstand auch rührt
Dein Ernst sey allemal durch muntern Witz geziert.
Voll Feuer, voll Vernunft, bemüh dich, dass dein Spielen
Die Schöne denken lehrt, den Philosophen fühlen.
Dir sey der Fremden Kunst, der Alten Geist bekannt;
Dann rühmt der Stutzer dich, und schimpft dich kein Pedant.
Soll dir der Richter Lob wahrhaftig Ehre bringen:
Erschmeichle dir es nicht, du kannst es dir erzwingen.
Auch schreib, von wilder Glut der Jugend angeflammt
Kein Werk, das einst vielleicht dein reifrer Geist verdammt.

[1755]

Killy, Walther: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart, München: Deutscher Taschenbuchverlag GmbH &Co. 2001
Quelle

   
     
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