Karl (Friedrich) Henckell
 
17.4.1864, Hannover - 30.7.1929, Lindau
 
Einem fernen Freund Mit dem »Du« im Herzen darf man schweigen...
Himmelfahrt Bunte Blumen, grüne Büsche...
Mein Neujahrswunsch Was ich erwarte vom neuen Jahre...
Ruhe, meine Seele! Nicht ein Lüftchen regt sich leise
Weihnachtssaat Gen Himmel groß...

 
   


Einem fernen Freund

Mit dem »Du« im Herzen darf man schweigen,
Um so tiefer dann sein Innres zeigen,
Wenn die Stunde kommt, da ganz allein
Leben sich dem Leben drängt zu weihn . . .
Und es ist ein still beständig Wissen,
Und es ist ein ruhiges Vertrauen:
Unser Freundeskranz wird unzerrissen
Schweben in Maienlüften wie in rauhen
Sturmesnächten schlimmeren Geschicks . . .
Nein, es ist kein Rausch des Augenblicks,
Wie ihn rasches Jugendblut verdampft,
Keine Traumsaat, die der Tag zerstampft
Wir belauschen unser altes Spiel
Und gedenken und besinnen viel . . .

 

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Himmelfahrt

Bunte Blumen, grüne Büsche,
Burschen, Mädchen Arm in Arm,
In der kühlen Morgenfrische
Locker schlendernder Frühlingsschwarm.
Übernächtige Gesichter,
Lange, lange noch nicht matt,
Lebenslustiges Gelichter,
Lange, lange noch nicht satt.
»Heut lieb' ich die Susanne
Und morgen die Marianne,
Halli, Hallo!
Wir leben so -
Vom lustigen Berge in die lustige Stadt.«
Der da mit ihren zerlockerten Haaren
Ist wohl die Unschuld gen Himmel gefahren
Heut in dieser selbigen Nacht;
Maiennächte sind Liebesschulen,
Lieblich ist es im Grünen buhlen,
Und kein Wächter der Sitte wacht.
In den schwärzlichen Augenringen
Kauert schläfrig gebüßte Lust,
Tüchtig hat das Feuer gerußt.
Aber mit silberreinem Singen
Sittige Dirnen vorüberspringen,
Maienglöckchen an keuscher Brust.
Aus dem offenen Bierhaus dringen,
Klingen Schalmei und Harmonika,
Klingen Harmonika und Schalmei;
Italiener mit lautem Geschrei
Feigenkränze zu Häupten schwingen,
Brezelweiber schleifen vorbei.
Schüchterne Sonnenstrahlen blinken,
Schimmerwellen am Waldesrand,
Ach, wie herrlich die Wipfel winken,
Lichte Buchen im Brautgewand!
Und noch ehe mit breitem Strahl
Siegreich mich die Sonne bestreicht,
Seh' ich in der Tiefe das Tal,
Habe des Berges Kulm erreicht.
Wolkenspiegelnd und funkenwiegelnd,
Perlgrau zittert der See.
Dicker Sonnenduft
Hüllt die ferne Luft,
Tief im Flor versinkt der Firnenschnee.

 


Quelle

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Mein Neujahrswunsch

Was ich erwarte vom neuen Jahre?
Daß ich die Wurzel der Kraft mir wahre,
Festzustehen im Grund der Erden,
Nicht zu lockern und morsch zu werden,
Mit den frisch ergrünenden Blättern
Wieder zu trotzen Wind und Wettern,
Mag es ächzen und mag es krachen,
Dunkel zu rauschen, hell zu lachen
Und im flutenden Sonnenschein
Freunden ein Baum des Lebens zu sein.

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Ruhe, meine Seele!

Nicht ein Lüftchen regt sich leise,
sanft entschlummert ruht der Hain;
durch der Blätter dunkle Hülle
stiehlt sich lichter Sonnenschein.
Ruhe, ruhe, meine Seele,
deine Stürme gingen wild,
hast getobt und hast gezittert,
wie die Brandung, wenn sie schwillt.
Diese Zeiten sind gewaltig,
bringen Herz und Hirn in Not -
ruhe, ruhe, meine Seele,
und vergiß, was dich bedroht!

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Weihnachtssaat

Gen Himmel groß durch Winterland
Und weiße Sternennacht
Ein Sämann schreitet bis zum Rand
Der fernsten Wehr und Wacht.

Er schreitet mit gewaltigem Schritt
Den Riesenacker ab
Und mißt den blutigen Ernteschnitt
An Helm und Kreuz und Grab.

Vor manchem Hügel schneeumhüllt
Da stockt des Sämanns Fuß,
Er neigt das Haupt von Schmerz erfüllt
Und beut der Ehrfurcht Gruß.

Dann richtet sich sein Rücken fest,
Nach Gottes Ruf und Rat
Schwingt er den Arm, und fallen läßt
Er segnend seine Saat.

Und wenn ein Saatkorn fällt, so sprießt
In freier Heimat Grund,
Die Kampf und Not zusammenschließt,
Ein neuer Menschenbund.

Und wo zu Kindesweisen hell
Erwacht der Lichter Schein,
Tief springt im Herzen auf ein Quell,
Der löscht der Mütter Pein.

Und wo sich heimlich um Verlust
Die Seele sorgt und müht,
Da geht ein Stern auf in der Brust,
Der Stern der Zukunft glüht.

Das wirkt des großen Sämanns Hand
In weißer Weihenacht,
Er wirft die heilige Saat ins Land
Der deutschen Liebesmacht.

 

   
     
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