Anastasius Grün
(eigtl. Anton Alexander Graf von Auersperg)

 
11.5.1806, Ljubljana - 12.9.1876, Graz
 
Das Blatt im Buche Ich hab eine alte Muhme...
Der Verlobten Wenn deine Hochzeit nahet...
Dir allein! Möchte Jedem gern...
Einem Pädagogen Der Gärtner denkt nicht...
Im Bade
Ach, könnt' ich die Welle sein...

 
   

 

Das Blatt im Buche

Ich hab eine alte Muhme,
Die ein altes Büchlein hat,
Es liegt in dem alten Buche
Ein altes, dürres Blatt.

So dürr sind wohl auch die Hände,
Die einst im Lenz ihr's gepflückt.
Was mag doch die Alte haben?
Sie weint, so oft sie's erblickt.

Simon, Andreas (Hrsg.): Willst du dein Herz mir schenken, München: Verlag Lothar Borowsky
Quelle

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Der Verlobten

Wenn deine Hochzeit nahet,
Leg' ich ins Grab mich hinein;
Dann fließt doch keine Träne
In euren Freudenwein.

Dann lacht dir keiner ins Antlitz,
Wenn Treue du versprichst;
Brauchst dich nicht zu verstecken,
Wenn du den Brautkranz flichtst.

Und hast du zu wenig Blumen,
Um sie durch den Kranz zu ziehn;
Geh nur zu meinem Grabe,
Da werden wohl einige blühn.

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Dir allein!

Möchte Jedem gern die Stelle zeigen,
Wo mein Herz so schwer verwundet worden:
Aber dir möcht' ich mein Leid verschweigen,
Doch nur dir! denn du allein
Hast den Dolch, der mich vermag zu morden.

Möchte Keinem meine Leiden klagen,
Aber dir enthüllen alle Wunden,
Die gar tief mein Herz sich hat geschlagen;
Doch nur dir! denn du allein
Hast den Balsam, der mich macht gesunden.

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Einem Pädagogen

Der Gärtner denkt nicht mehr der frühern Sorgen,
Wenn seine Blumen blühen;
Der Pflüger auch vergaß der alten Mühen,
Wenn er sein Korn geborgen;
Des Tages Last versüßt es dem Gemüthe,
Das klug von jenen lernte,
Beim Pflanzen schon zu denken an die Blüthe,
Beim Säen an die Ernte.

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Im Bade

Ach, könnt' ich die Welle sein,
Wie freut' ich mich so!
Doch könnt' ich die Quelle sein,
Wär' doppelt ich froh!
Könnt' ich die Welle sein,
Hüpft' ich mit frohem Sinn,
Wo sie im Bade weilt,
Rasch zur Geliebten hin;
Hätte sie schnell ereilt,
Wogte mit stillem Gruß
Rasch um den lieben Fuß,
Blähte mich stolzer dann,
Schwölle und stieg' hinan
Bis an des Busens Rund,
Bis an den Purpurmund,
Grüßte und küßte sie,
Kos'te und neckte sie,
Und sie erlitt' es gern,
Glaubt' ja, ich seh' es nicht,
Glaubt' mich ja fern!

Könnt' ich die Quelle sein,
Ganz nach Verlangen
Wäre sie mein;
Liebend umfangen
Wollt' ich die Holde,
Aber so bald nicht
Ließ' ich sie los.
Dann zu dem Herzchen
Rauscht' ich empor,
Pochte und schlüge
Rege daran,
Pochte und früge
Liebend mich an. -

Dann zu den Händen
Wogt' ich dahin;
Aber das Ringlein,
Das sie als fremder
Seligkeit Pfand
Trägt an der kleinen
Blendenden Hand,
Wollt' ich ihr raubend
Tief in der Wogen
Nächtliche Brandung
Heimlich verbergen;
Rauschte zur Hand dann
Wieder hinan,
Und nur mein Ringlein
Ließ' ich daran.

 
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