Gibran Khalil Gibran
 
6.1.1883, Bsharri (Libanon) -10.4.1931, New York City
   
Leseprobe: Der Prophet -
Aus: Der Reigen
Das Trachten nach Ruhm...

 
 

 

Leseprobe: Der Prophet

Von der Ehe

Ihr wurdet zusammen geboren,
und ihr werdet auf immer zusammen sein.
Ihr werdet zusammen sein, wenn die weissen Flügel des Todes eure Tage scheiden.
Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen sein.
Aber lasst Raum zwischen Euch.
Und lasst die Winde des Himmels zwischen Euch tanzen.
Liebt einander,aber macht die Liebe nicht zur Fessel;
lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen sein.
Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.
Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.
Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von Euch allein sein,
so wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben Musik erzittern.
Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut.
Denn nur die Hand des Lebens kann Eure Herzen umfassen.
Und steht zusammen, doch nicht zu nah:
Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,
und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen.

Von den Kindern

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch Euch aber nicht von euch,
und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen.
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen,wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen Eure Kinder als lebende Pfeile abgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit, und Er spannt euch mit Seiner Macht,
damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst Euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Vom Geben

Ihr gebt nur wenig, wenn Ihr von Eurem Besitz gebt.
Erst wenn ihr von euch selber gebt, gebt ihr wahrhaft.
Denn was ist Eurer Besitz anders als etwas, das ihr bewahrt und bewacht aus Angst,
dass ihr es morgen brauchen könntet?
Und morgen, was wird das Morgen dem übervorsichtigen Hund bringen,
der Knochen im spurlosen Sand vergräbt, wenn er den Pilgern zur heiligen Stadt folgt?
Und was ist die Angst vor der Not anders als Not?
Ist nicht Angst vor Durst, wenn der Brunnen voll ist der Durst, der unlöschbar ist?
Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben wenig geben - und sie geben um der Anerkennung willen,
und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.
Und es gibt jene, die wenig haben und alles geben.
Das sind die, die an das Leben und die Fülle des Lebens glauben, und ihr Beutel ist nie leer.
Es gibt jene, die mit Freude geben, und die Freude ist ihr Lohn.
Ud es gibt jene, die mit Schmerzen geben, und der Schmerz ist ihre Taufe.
Und es gibt jene, die geben und keinen Schmerz beim Geben kennen: weder suchen sie Freude dabei,
noch geben sie um der Tugend willen;
sie geben wie im Tal dort drüben die Myrte ihren Duft verströmt.
Durch ihre Hände spricht Gott, und aus ihren Augen lächelt Er auf die Erde.
Es ist gut zu geben, wenn man gebeten wird, aber besser ist es, wenn man ungebeten gibt, aus Verständnis;
Und für den Freigiebigen ist die Suche nach einem, der empfangen soll, der empfangen soll,
eine grössere Freude als das Geben.
Und gibt es etwas, das ihr zurückhalten werdet?
Alles, was ihr habt, wird eines Tages gegeben werden; Daher gebt jetzt, dass die Zeit die Eure ist und nicht euer Erben.
Ihr sagt oft: Ich würde geben, aber nur dem, der es verdient.
Die Bäume in Eurem Obstgarten reden nicht so, und auch nicht die Herden auf Euren Weiden.
Sie geben, damit sie leben dürfen, denn zurückhalten heisst zugrunde gehen.
Sicher ist der, der würdig ist, seine Tage und Nächte zu erhalten, auch alles anderen von Euch würdig.
Und der, der es verdient hat, vom Meer des Lebens zu trinken, verdient auch,
seinen Becher aus Eurem Bach zu füllen.
Und welches Verdienst wäre grösser als der Mut und das Vertrauen, ja auch der Nächstenliebe,
die im Empfangen liegt?
Und wer seid ihr, dass die Menschen sich die Brust zerreissen und ihren Stolz entschleiern sollten,
damit ihr ihren Wert nackt und ihren Stolz entblösst seht?
Seht erst zu, dass ihr selber verdient, ein Gebender und ein Werkzeug des Gebens zu sein.
Denn in Wahrheit ist es das Leben, das dem Leben gibt - während ihr, die ihr euch als Gebende fühlt,
nichts anderes seid als Zeugen.
Und ihr, die ihr empfangt - und ihr seid alle Empfangende -, bürdet Euch nicht die Last der Dankbarkeit auf,
damit ihr nicht Euch und dem Gebenden ein Joch auferlegt.
Steigt lieber zusammen mit dem Gebenden empor wie auf Flügeln;
Denn seid ihr eurer Schuld zu sehr bewusst, heisst das, die Freigiebigkeit desjenigen zu bezweifeln, der die großherzige Erde zur Mutter und Gott zum Vater hat.

Von der Vernunft und der Leidenschaft

Eure Seele ist oft ein Schlachtfeld, auf dem Eure Vernunft und euer Verstand Krieg gegen Eure Leidenschaft und eure Gelüste führen.
Könnte ich der Friedensstifter in Eurer Seele sein und den Missklang und die Zwietracht eurer Wesen in Einklang und Harmonie verwandeln!
Aber wie kann ich das sein, wenn ihr nicht selber auch
Friedensstifter seid, nein, mehr noch, euer ganzes Wesen liebt?
Eure Vernunft und Eure Leidenschaft sind das Ruder und die Segel eurer seefahrenden Seele.
Wenn eure Segel oder Ruder brechen, könnt Ihr nur noch schlingern und treiben oder auf hoher See festgehalten werden.

Denn Vernunft ist, wenn allein sie waltet,
eine einengende Kraft;
und unbewacht ist die Leidenschaft eine Flamme,
die bis zur Selbstzerstörung brennt.

Daher lasst die Seele eure Vernunft auf den Gipfel der Leidenschaft eben, damit sie singt;
Und lasst sie Eure Leidenschaft mit Vernunft lenken, damit eure Leidenschaft ihre tägliche Auferstehung erlebt und sich wie der Phönix aus der Asche erhebt.
Ich wollte Ihr betrachtet Euren Verstand und Eure Gelüste wie zwei geliebte Gäste in eurem Haus.
Sicher würdet Ihr einen Gast nicht mehr ehren als den anderen; denn wer den einen mehr beachtet,
verliert die Liebe und das Vertrauen beider.
Wenn ihr zwischen den Hügeln im kühlen Schatten der weissen Pappeln sitzt und am Frieden und der Heiterkeit der Felder und Wiesen teilhabt-dann lasst euer Herz schweigend sagen:"Gott ruht in der Vernunft".
Und wenn der Sturm kommt und der mächtige Wind den Wald erschüttert und Donner und Blitz die Erhabenheit des Himmels verkünden - dann lasst Euer Herz in Ehrfurcht sagen:
Gott bewegt sich in der Leidenschaft.
Und da ihr ein Atemzug in Gottes Sphäre seid und ein Blatt in Gottes Wald, sollt auch ihr in der Vernunft ruhen und in der Leidenschaft euch regen.

Von der Freundschaft

Euer Freund ist die Antwort auf Eure Nöte.
Er ist das Feld, dass ihr mit Liebe besät und mit Dankbarkeit erntet.
Und er ist Euer Tisch und Euer Herd.
Denn ihr kommt zu ihm mit Eurem Hunger, und ihr sucht Euren Frieden bei ihm.
Wenn Euer Freund frei heraus spricht, fürchtet ihr weder das Nein in euren Gedanken, noch haltet ihr mit dem Ja zurück.
Und wenn er schweigt, hört euer Herz nicht auf, dem seinen zu lauschen;
Denn in der Freundschaft werden alle Gedanken, alle Wünsche, alle Erwartungen ohne Worte geboren und geteilt, mit Freude, die keinen Beifall braucht.
Wenn ihr von eurem Freund weggeht, trauert ihr nicht;

Denn was Ihr am meisten am Freund liebt,
ist vielleicht in seiner Abwesenheit klarer,
wie der Berg dem Bergsteiger von der Ebene aus klarer erscheint.

Und die Freundschaft soll keinen anderen Zweck haben, als den Geist zu vertiefen.
Denn Liebe, die etwas anderes sucht als die Offenbarung ihres eigenen Mysteriums, ist nicht Liebe,
sondern ein ausgeworfenes Netz: und nur das Nutzlose wird gefangen.
Und lasst Euer Bestes für euren Freund sein.
Wenn er die Ebbe Eurer Gezeiten kennen muss, lasst ihn auch das Hochwasser kennen.
Denn was ist ein Freund, wenn ihr ihn nur aufsucht, um die Stunden totzuschlagen?

Sucht den Freund auf, um die Stunden mit ihm zu erleben, nicht um sie totzuschlagen.
Denn er ist da um Eure Bedürnisse zu befriedigen, nicht aber eure Leere auszufüllen.
Und in der Süsse der Freundschft lasst Lachen sein und geteilte Freude.
Denn im Tau kleiner Dinge findet das Herz seinen Morgen und wird erfrischt.

Vom Lehren

Niemand kann Euch etwas eröffnen, was nicht schon im Dämmern Eures Wissens schlummert.
Der Lehrer, der zwischen seinen Jüngern im Schatten des Tempels umhergeht, gibt nicht von seiner Weisheit, sondern eher von seinem Glauben und seiner Liebe.

Wenn Euer Lehrer wirklich weise ist, fordert er euch nicht auf, ins Haus seiner Weisheit einzutreten, sondern führt Euch an die Schwelle eures eigenen Geistes.

Der Astronom kann Euch von seinem Verständnis des Weltraumes reden, aber er kann Euch nicht sein Verständnis geben.
Der Musiker kann Euch vom Rhythmus singen, der Weltraum ist, aber er kann Euch weder das Ohr geben,
das den Rhythmus festhält, noch die Stimme, die ihn wiedergibt.
Und wer der Wissenschaft der Zahlen kundig ist, kann vom Reich der Gewichte und Masse berichten,
aber er kann Euch nicht dorthin führen.
Denn die Einsicht eines Menschen verleiht ihre Flügel keinem anderen.
Und wie jeder von euch allein in Gottes Wissen steht, so muss jeder von Euch allein in seinem Wissen von Gott und seinem Verständnis der Erde sein.

 

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Aus: Der Reigen

Das Trachten nach Ruhm
und Ehre ist Torheit,
dem Jagen nach Seifenblasen
vergleichbar.

Wenn der Mandelbaum seine Blüten
aufs trockene Gras streut,
sagt er nicht:
"Armes Gras! Sieh Deinen Wohltäter!"

 
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