Foto: BLX

 

Heidi Damerius
 
16.11.1961, Hoyerswerda

"Wer sich mit fremden Federn schmückt, wird schnell gerupft",
floss unlängst aus meiner Schreibfeder.

Also versammelt sich hier eigenes ein- und ausgefallenes.
Blühen diese Stilblüten irgendweb weiter,
freue ich mich unbändig (über die Information zum Verbleib noch mehr).

An
Anrufbeantworter
Bestelltes Feld
Das Glühwürmchen
Der alte Mann und die Bank
Der Brief
Dichten
Ein Gedicht
Ein kleines Stück Papier
Es treibt...
Geburtstagsspruch
Herbstlich
Herrentag
Horch
ich
Kultur 22
Netzblicke
Nonsens
Singende Flügel
Schockraum
Trevisage
Verdrehte Welt
Wiener Triage
Wortvision
Zwischen
Elfenreigen (Islandbericht)
...

   

 

an weiße Häuser
mein langer Schatten oft tritt -
keine Tür öffnet

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Anrufbeantworter

Ihr ruft, gestattet mir das Wort,
zur falschen Zeit am richtgen Ort.
Doch wollte Ihr, dass ich zu euch eile,
so sprecht nach dem Piep ohne Langeweile.
Nennt euer Begehr und ich rufe zurück,
legt Ihr auf, wünsch ich dennoch viel Glück.  

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Bestelltes Feld

erneut keimt Saat auf
unter dem Stein – nichts

(3/2007)
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Das Glühwürmchen

Ossifassung

Wer glimmt noch so spät an Decke und Wand?
Es ist die Birne mit Kabelbrand.
Es kitzelt ihm Strom wohl in dem Arm,
Die Fassung hält sicher, der Strom hält sie warm.

Oh Lampe, was glühst du so bang dein Gesicht?
Sieht Kalle denn das Glühwürmchen nicht?
Das Glühwürmchen mit dem roten Schweif?
Mein Kalle, es leuchtet wie ein Hoffnungsstreif!

Glühwürmchenlicht, komm bleib’ bei mir!
Gar schöne Schatten zeig ich dir,
Gar bunte Schirme verstecken dich,
doch Glühwürmchen du, ändere dich nicht.

[Für Kalle 2011 ]

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4.11.2011

Für Bruce und Esmae

Der alte Mann und die Bank

Very Christmas!

Leise Töne, vom Brechen der Wellen an einem der dottergelben Strände des Südpazifik verschluckt.
Es ist Sommer! Ein warmer Morgen - so herrlich, dass ich am liebsten nackt voller Begierde
in den schweissnassen Körper des joggenden Geliebten eingetaucht wäre.
Ich schmiegte mich kokett an ihn, blickte in seine blauen Augen, die nur durch einen kleinen Silberstreif,
einer alten Verletzung, an Klarheit eingebüsst hatten.
Mein Blick hielt inne, als ich bemerkte, dass wir nicht mehr allein waren.

Da saß ein alter Mann auf einer knallgelben Bank, kleinwüchsig, bekleidet mit einem blauen T-Shirt,
welches noch unter der braunen Strickjacke hervorlugen konnte.
Zweifellos: er stammte von hier, dennoch spiegelte sein fahles Gesicht nicht mehr den warmtönenden Hauch der Sonne wider.
Halbnackt, etwas beschämt, sahen wir ihn an, er jedoch schmunzelte spitzbübisch.

,Very Christmas!‘ flüsterte er.
Na, es ist doch November, dachte ich und grüßte vergnügt zurück.
,Seat down please‘ - - wir indes gingen einige Schritte weiter...

Ich fotografiere gern, kann dennoch nicht alle Augenblicke des Lebens speichern.
So oft erreichen uns Einsichten, wenn wir auf zurückgelegte Wege blicken,
unser Hasten unterbrechen, inne halten.

,Sieh dich um‘ - ein innerer Appell schwang auf.
Und - - - WIR blickten zurück: Sein Schmunzeln war einer tiefen Trauer gewichen.

Allein, einsam?

Wie oft mag er hier sitzen, auf dieser knallgelben Bank mit Blick auf einen schier endlosen Strand, einer Kiefer als schützendes Dach.
,Whats your name?‘
Heidi and Hans.

,My name is Bruce‘ und stolz wies er auf ein kleines Schild, welches seinen Namen gravierte, begleitet von einem weiteren: Esmae.
,Its your bank?‘
,Yes, I‘am a woodworker, meine Frau und ich sitzen hier täglich zusammen.‘
,Your Esmae? ,
,Oh yes‘ - seine Augen bekamen einen sanftmütigen Glanz.

,Vor 3 Jahren verstarb sie, doch wir sitzen immer noch täglich hier...

2/.2012

Bruce und Esmae - wir nahmen sie einst in unsere Mitte.
Als Bruce die Bank verlassen hatte, legte ich Blumen für seine Wiederkehr nieder.
Heidi and Hans - ihre Engramme jedoch blieben allein, fanden keine knallgelbe Bank,
die das unveränderte Auf und Ab des Lebens stützt, doch diese wahre Begebenheit ein Papier.

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Und dennoch: in steter Zuneigung für BLX

Der Brief

Ich seh‘ in deine Augen,
spiegle den Brief,
den ich nie schrieb:
Abgesandter eines Endes.
Leerzeichen, in denen so vieles
unausgesprochen verstrich,
Punkte, die küssend innehalten,
tanzende Silbenpaare lustvoll schwingend,
Verrücktheiten fehlerlos;
meine Krakel - Fangarme der Sehnsucht,
farblose Tintentränen,
nur deine Schmäh verschloss,
das Kuvert gemeinsamen Lebens.

frei nach dem Konzert von Gerhard Schöne 'Briefe' 3/2012

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Dichten

Etwas
zu dichten
ist mitnichten
anderes zu sichten
deren Worte zu verdichten
in Zeilen zu schichten
auf Neues zu verzichten -
dadurch Dichter zu richten
die schlicht erpicht
einfach nur Gedanken lichten.

[2001]

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Für HJH

Ein Gedicht wünschst du von mir,
willst hören, was ich durch dich spür.
Erfahren, ob mein Fühlen dich erliest,
deine Sorgen allein du nur siehst. -
Heut‘ ist dein besonderer Tag,
ein jeder kommt, der dich wirklich mag.
Frohe Wünsche dich begleiten,
Gesundheit, Glück von allen Seiten. - -
So oft uns ein Geschenk nur fehlt,
das, was im Leben wahrhaft zählt.
Zu groß, um in eine Hülle zu passen,
auch diese Dose kann es nicht fassen.
Drum öffne, wenn sie greift nach dir,
fülle sie und zehr von ihr.

3.1.10

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Für und durch Robert und Christoph

Ein kleines Stück Papier

Als ich nach Hause kam,
war es unheimlich still.
Kein Kinderlachen, nicht mal Geschrei.
Bange Minuten voller Schuldgefühl,
die wie Stunden verrannen.
Ich stolperte über Spielzeug im Zimmer,
das mir plötzlich so leer vorkam.

Da sah ich ein kleines Stück Papier.

"Wier sint nur Eis hohlen... "

Ich hab nie wieder über ihre Schrift geklagt.

~

Später...

schrieb ich
diese Zeilen
auf einem kleinen Stück Papier
als plötzlich eine leise Stimme neben mir sagte:

"Du schreibst aber komisch,
solche Schrift kenn ich nicht!"

Sie werden sie kennen,
wenn sie ihr erstes kleines Stück Papier finden.

 

- nach einer wahren Begebenheit 2001

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Für und durch und ohne Bildfreigabe sowie Verständnis von N.

Es treibt der Wind ein Wellenspiel,
und Licht fällt sanft aufs Meer,
der Steg vereinsamt ohne Ziel
zwischen zwei Pollern - menschenleer.

Doch dann ein Blick  - ein Augenpaar,
hält inne den einen Moment,
drauf heller wird's und nicht mehr unsichtbar,
das Land, was es Heimat nennt.

1/2012

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Liebe...

Es war doch grad erst 'gestern'
als wir noch Kinder war'n,
so manche Hürd' genommen,
im Lauf der Lebensbahn.

Spa(ß) wolln wir heut euch geben,
und wünschen uns gar zweierlei:
Noch hundert Jahre sollt' ihr leben
und gern wären wir bei euch dabei!

.9/2011

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ich - -

wie eine Knospe

im Herbst

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herbstlich duften Tränen
wenn Sonne sie zum Regenbogen bricht
und ihr Fallen das Ende färbt

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 Herrentag

(aus Frauensicht)

Meine Herren...
Heut' wird erst richtig mir bewusst,
dass ihr schon an der Mutterbrust
als Bübchen hattet's wahrlich schwer
und Stamm zu halten gabt Gewähr.

Noch mehr galt das für euch als Knaben,
belastet mit Männeraufgaben:
das Auto waschen, stets parieren,
um Vaters Stolz nicht zu verlieren.

Als Burschen konntet ihr sodann
an Werk und Weib so richtig ran,
gefordert wurde euer Mut,
dass ihr auswähltet alles gut.

Jetzt strotztet ihr vor Manneskraft,
die sogar Kind und Kegel schafft.
Selbst wenn das Tagwerk schon vollbracht,
ihr musstet ran noch manche Nacht.

Zudem verlangt die Mannesnorm,
zu wahren stets der Würde Form:
Nie darf euch etwas so verletzen,
dass Tränen eure Wang' benetzen!

Seid schließlich ihr ein weiser Greis,
macht euch die Alte trotzdem heiß,
im Herbst des Lebens noch zu nützen,
der Enkel Haus und Hof zu stützen.

Heut' seid ihr endlich einmal frei,
des Mannes Pflicht vergessen sei!
Ihr schleicht ja wieder heim am Morgen,
verloren wärt ihr ohne unser Sorgen.

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Horch! Es hat geklopft!
In meinem Hinterstübchen –
die Einsicht!

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Kultur 22

Eene new deutsche Welle with Zlatko
drei Oscars für Smileys
das Dementi von Reich-Ranicki
im Wissensquiz 'ne Traummillion
zwei Hamburger bei der Frankfurter Messe
frisch gebrannte DVD- Popcorns im Kin(lap)top
jeden Morgen die FAZ
abends den Spiegel online
und nachts das Literaturforum im Chat

Ich bin voller Kultur des Alltags.

frei nach Rolf Dieter Brinkmanns "Kulturgüter" (1962)

[2001]

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Durchgeblickt von und für Wo.

Netzblicke

Es ruht ein Kahn am alten Steg,
sein Ruder leis im Winde knarrt,
Abendlicht begleitet ihn - 
vor seiner letzten Fahrt.

Ein leerer Steg liegt neben ihm,
verwaist gar schon ein Jahr,
als ihm sein Kahn verloren ging,
nur Wellenspiel Begleiter war. 

Es liegen Netze am alten Steg,
wo gemeinsam einst gefischt,
die Löcher groß, zerrissen nun 
das Licht die Erinnerung bricht. 

29.3.2012

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Nonsens

Ich kaue mich durch,
ungeniessbar,
schade um die dritten.

Ich beginne am Ende des Buches,
drehe es um
mich kopfüber
und stehe wieder am Anfang.

Es ist nichts zu schade, was man jetzt! genießen kann. (Durch Eric am 6.10.09)

Wohin weht der Wind, wenn du ihn aus dem Segel nimmst? (16.5.09 durch B.)

Genieße das Jetzt, weil es danach noch besser kommt.

Eigentlich bin ich sehr vergesslich, doch manchmal vergesse ich das auch.

Prinzipien sind Holzklötze für Scheiterhaufen. (Durch J.)

Du Liebe,
ich schreibe dir.
Und mir, weil du ja ewig in mir wohnst.
Wer begleitet uns?

Solange ein Weiterleben existiert, sollte die Erfahrung uns nicht jene Unvernunft nehmen, die wir brauchen, um tief lieben zu können. Weisheit kann Liebe pflegen und bewahren - nur äußere Umstände sind wie Steine, über die wir stolpern, weil wir sie uns selbst in den Weg legen.
(1.1.09 für Chr)

Jeder Traum muss beschnitten werden, wenn er wieder ergrünen soll.
(Für Wandelröschen)

Wie tief kann ein Wort treffen, wenn es schweigt.
Wie laut kann Schweigen verhallen,
wenn es echot                               im Raum, der leer                                    wie wir. (Durch J.)

Es gibt nur einen Fehler: jenen, keinen machen zu wollen.

Sei gut zu vögeln - nimm' Eulen für die Nacht!

Die schwersten Tritte sind die in den eigenen A...

Ob Gläubiger glauben was Recht ist?

Verspielte Worte
ein Silbenpaar tanzt verdreht -
vom Leib zur Liebe

Ich liebe:
den Zufall, Überraschendes, den Tod, das Leben -- wer bist du?

Wo ich stets bin? Bei mir! Bist du auch da?

Was hat nicht alles sein sollen? Und was ist nicht alles schon gewesen? - -
Wie kommt das?

Hat Gott die Kreuze in Fenster geschlagen, damit wir sündhaft (r)aussehen?

Es gibt Menschen, deren einziges Handeln im Reden darüber besteht.

Schläge sind Trommeln der Hilflosigkeit von Wortlosen.

Vergangenheit erklärt manches,
entschuldigt gegenwärtiges aber nicht.

“Nimm' mich so wie ich bin”, sagtest du,
und ich hob mir einen Bruch.

Mancher Grund findet sein Los darin, grundlos zu sein.

Es gibt keinen Abschied in der Liebe.

Wer mich bändigen will, muss mich los-lassen.

Wo hatte Freud seine Fehler, dass sie gleich nach ihm benannt wurden?

So manches Beben ließ das Tal zum Berg gipfeln.

Wer nur die Rosinen aus dem Kuchen nimmt, kann auch nur Korinthen kacken.

Im zerknüllten Papier,
auf dem Weg einen Korb zu bekommen,
steckt oftmals Wahres.

Das wahre Wissen ist jenes um sein Unwissen - das beste um dessen Zugabe.

Man muss alles im Leben einmal bezweifeln.

Die Zeit wird immer kürzer, je länger man auf sie zurückblickt.

Hinterfragen verhindert keine Hinter-gedanken.

Auch der beste Redner kann nichts gegen das Schweigen ausrichten.

In Erinnerung steckt - er innen - - fest.

Sie wissen nicht, was sie tun - doch sie tun, als wenn sie es wüssten.

Wenn mein Es Über mich kommt, bin ich über ihm!

Wohl oder übel – nur eine Frage des Bauchhirns.

Überzeugung ist kein Akt der ersten Stunde!

Wenn ich dir nie begegnet wäre, hätte ich mich nicht gefunden.

Ich bin eigentlich sehr vergesslich, doch manchmal bemerke ich es noch.

Ich schreibe nur Mist, der natürlich Literaten Humus ist.

Ausgebrochen diesseits, ist eingebrochen jenseits.

Jede Frau ist die Inkarnation einer Göttin - doch nie findet sie den Himmel auf Erden.

Das Leben ist ein Reifungsprozess - ist man überreif, wird man faul!

Fotografie ist Poesie des Sehens.

Mit mehr Zeit tät ich es noch eiliger schaffen!

Nicht die Droge hilft, sondern die Hand, die sie reicht.

Das Klappern der Prothese ist manchmal der einzig wahre Laut.

So manches Netz wird nur durch seine Maschen gehalten.

Ach, würde doch nur die deutsche Recht(s)schreibung aus Verhandeln Fairhandeln machen!

Gewaltig ist das Schweigen im Stein - bis ich über ihn stolpere.

Wenn Kinderlachen stirbt,
sich Kinder darüber freuen,
dann bedarf es eines kindlichen Verstandes zu glauben,
dass dies nur kindliche Unvernunft ist (11.09.01)

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Singende Flügel
über dem Bodden Schatten -
im Eis schweigt ein Schwan

[2006, mit Bertram Kottmann]

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Bockwurstduft und Adrekar

ein Leben aus der Sicht eines Schockraumes anno 2011 - zertifiziert?

Ich bin ein (T)Raum und kann nur sein aus euch,
von euch belebt: Piepen aus bunten Kurven,
Hämmern aus Bohrern oder all‘ den musikalischen Synkopen
von Zweibeinern, die entweder auf Matten in mir liegen oder
gesundendes tun oder so tun.
Ja, ich bin etwas besonderes! In zarter Vanille angehaucht,
habe ich mehr als vier Ecken und eine Tür.
Nur mein letztes Auge ist in meinem seligen
Alter an braunen Star erblindet - einst sah ich auf die Weite eines strahlenden Sundes, jetzt haben Bretter, die wohl eine neue Welt bedeuten, mich vernagelt.
Was bleibt: ich muss mich nun auf mein Innenleben konzentrieren.
Und da geht es hoch her!
Ich habe vieles gespürt: Trauriges, Lallendes, Schnaufendes, beredte Stille-
manchmal Ballungen von weißen Menschen, ich glaube sie nennen diese Versammlung Polytrauma. Erst kommt einer, dann ganz viele!
Mein Großvater aus dem Lazarett erzählte mir einmal, dass er so etwas noch aus den Krankensälen kenne, jetzt gibt es kaum noch die weiße Häubchenschlange wie er sie nannte. Oft geht nur noch ein weißes Pärchen durch meine Brüder- und Schwesternzimmer.
Da kann ich doch stolz sein, wenn so ein Stimmengewirr in mir summt.
Doch heute gab es wieder ein neues Erlebnis!
Es gab Adrekar mit Bockwurst! Nun ja, Adrekar kenne ich, meist war damit immer
ein spannendes Raunen verbunden, doch heute erlebte ich beides!
An meinem vernagelten Fenster lag eine nette dünne Oma, die Adrekar als Hauptspeise bekam, daneben (wohl bautechnisch nicht wieder aus der Balance zu bringen) eine nahezu verhungerte Dreizentner in die Trage quietschendes Frau, die sich nichts sehnsüchtiger wünschte, als nach stundenlangem Warten in mir ihre gebrochene Wirbelsäule zu stärken!
Und da meine Brüder und Schwestern wieder einmal mit sich selbst beschäftigt waren,
übernahm ich solidarisch.
Leckerer Bockwurstduft schlich sich durch meine sonst nicht so verwöhnte Nase,
wohliges Schmatzen übertönte das nervenpiepende grünkurvige Flatterstakkatao von Oma.
Alle wirkten so glücklich, dass ich beschloss, wo ich doch nun ein Medira (Medizinisches Restaurant) geworden war, meinen Speiseplan zu erweitern:
Suprateller in Propofolie mit Traumakaffee ohne Nachttisch
und zur Alternative für Selbstversorger:
Adrehas (Adrenalin mit Hasenbrot)
Wohl bekomms, denn eines blieb mir noch:
Ich bin nikotinfrei.

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Trevisage (Trierer Gesichter)

Allein gelassen

Es war an einem trüben Sonntagnachmittag. Das sonst in den Strassen pulsierende Leben schien sich in Häuser und alte Gemäuer zurückgezogen zu haben. Eine leise Melodie war zu hören, schien aus dem rundbogigen Tor zu kommen,
das eine der vielen Mauern dieser alten Stadt durchbrach.

Wie von der Musik angezogen, schlenderte eine junge Frau auf die Öffnung zu; das Klappern ihrer Absätze verlor sich in den fremdartigen Klängen. Ihren Ursprung fand sie, als sie das düstere Tor durchschritten hatte: ein alter Mann, dessen Gesichtszüge seine indische Abstammung verrieten. Kopfnickend lächelte er ihr über den Steg seines Instrumentes zu, als erlaube er ihr damit den Eintritt zu dem Innenhof, der sich hier auftat. Der eben hinter abziehenden Wolken hervorlugenden Sonne gewährten die zwei Stockwerke hohen Seitenwände, die ein ungefähres Quadrat einfassten, ebenso bereitwillig Einlass. Die alleinstehende Weide in seiner Mitte trauerte dennoch, doch unweit von ihr luden auf dem Kopfsteinpflaster die weißen Tische und Stühle eines Cafés ein, von denen nur wenige besetzt waren.

Ohne Umweg steuerte die Frau einen der leeren Tische an, als sei nur dieser für sie reserviert. Er stand etwas abseits, nahe einer kleinen Nische, an der Mauer. Vielleicht war es der ungestörte Blick auf den wild rankenden Wein, der zwei Fenster wie ein rotgrünes Augenpaar einschmiegte und der Wand ein Gesicht verlieh, der diesen Platz für sie auszeichnete. Sie schien auf jemanden zu warten, genoss ihren Irish Coffee indes ohne Hast, lächelte ab und an versonnen oder wie abwesend. -

Die Sonne hatte den Innenhof lange verlassen, als die Frau allein den Rückweg antrat, vorbei an dem Musiker, der behutsam seine Sitar verstaute. Mit anteilnehmenden Blick hob er abermals den Kopf:

„Hat er Sie sitzen lassen?“ -

„ Ja, das hat er! - der Herbst.“

(mit Wersch, 9/2003)

 

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Begegnung

 

Es nieselte seit Tagen.
Die Regenfäden hielten die alten Gemäuer der Stadt wie in einem Spinnennetz gefangen. Noch vor Wochen hatte hier ein buntsommerliches Treiben
getönt, nun wurde sie lautlos von grau asphaltierten Strassen durchzogen.

Die Geschäfte waren geschlossen, nur ein Cafe hatte an diesem Sonntag geöffnet.
Die Markise war längst zusammengerollt, die weißen Stühle waren mit Herbstlaub befleckt und ablehnend an Tische gekippt. Aus einer der schmalen Seitengassen,
die von dreimeterhohen Wänden eingeschlossen waren, kam eine junge Frau.
Ihr fahles Gesicht wurde von einem versonnenen Blick getragen, die hängenden Schultern, der schleppende Gang ließ ihre schwermütige Stimmung rasch erkennen. Unscheinbar mit einer bleichbraunen Jeans und einem sich davon kaum abhebenden khakifarbenen Parka bekleidet, verhallten ihre Schritte in einer Gasse, auf dessen Ende sie zulief.

Als sie an das Ende der Gasse gelangt war, das Gemäuer einem freien Platz öffnete, wurde sie von der Sonne gekitzelt. Zunächst strich sie über ihr Haar, was im Gegensatz zur sonstigen Erscheinung aus dem hochgeschlagenen Kragen frech rotlockig hervorlugte.

Geblendet hob die Frau den Kopf. Beim Weitergehen blieb ihr leer versteinerter Blick an einem weißumrandeten blauen Schild hängen, welches den Anfang der Gasse markierte.
„Sieh um dich“ -
leicht verstohlen wendete sie den Kopf und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Das Lächeln unterbrach, als ihr Blick einen bärtigen Mann am Eingang des Cafes streifte.
Jener schien sie just im gleichen Augenblick wahrzunehmen, so dass sie ausweichend
und verlegen nach oben blickte. Doch da prangte erneut in noch größeren Lettern:
‚Sieh um Dich!' – der Name des Cafes.
Verdutzt schüttelte sie unbewusst ihren Kopf, so dass Locken zu fliegen schienen.
Ungläubig, sich klammheimlich vergewissern wollend, wendete sie erneut den Kopf zurück, doch beide Schilder hatten keinen der Lettern eingebüßt.
SEIN Lächeln flüchtete in den Bart.

Sie waren allein, nur einen Augenblick trafen sie sich – und gingen wortlos aneinander vorbei.

Keiner sah sich mehr um und ihr Lächeln einander nie wieder. -

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Für S.

Verdrehte Welt

Was bringt dich zum Lachen?
Einfach nur verdrehte Sachen!
Stell' doch alles auf den Kopf,
den Herd setz' auf den Topf.
Die Füße zieh'n die Mütze an,
das Ende ist vorm Anfang dran.
Ein Buch liest sich alleine vor,
zur Schule geht das Heidemoor.
Lehrer sitzen in den Bänken,
Schüler ihnen Weisheit schenken.
Bäume auf den Vögeln sitzen,
Kreise um die Ecke flitzen.
Ein Auto Polizisten lenkt,
das Sparschwein an die Kasse denkt.
Bier allein den Kühlschrank kühlt,
ein Klavier in Moll die Finger fühlt.
Den ersten Kuss gibt es vom Pferd
sag' du - ist die Welt verkehrt?

 

[3/2007]

Anm.: Im Original ist der Name von S. anstelle von 'du' in der letzten Zeile eingefügt ........................................................................................................................................................................

 

Wiener Triage

In Dankbarkeit und für W.

Das erste Mal

Grüß Gott Wien,
Stadt im grünen Donaukleid,
kanalisiert unter der Friedensbrücke,
anders nennst du dich! –
Anders,
wo schillernde Mozartkugeln rollen,
in Kaiserschmarrn das Rathaus duftet,
T-Mobile bunt schwirrt,
die Votivkirche im Werbekleid entspannt.
Weiße weise Häuser lichten
museale Klimtküsse,
wie alte Frauenseelen
im höfischen Prunk eingeschlossen.
Mit Freud ohne Couch
hypnotisiere ich meine Blasen,
die schrammelnd an den Füßen
vom hitzigen Pflaster stöhnen.
Bahnen quietschen, Fiaker trappeln,
bei Haas spiegelt neu Altes wider.
Ein Seitblick im botanischen Garten
wirft ruhige Schatten in meine Linse.
Bitte rechts stehen,
kleiner oder großer Brauner;
nicht fotografieren, berühren, hupen.
Mundgeblasene Fenster - nicht öffnen:
es verfällt Wachs-Tum Mensch.
Pause, Jause, Sausenstation,
U5: Weg verfehlt -
wie Kultur –
fernab die Traklgasse.
Abends beim Heurigen,
zwängen sich Gruppen
wie ein Viertel in mein Glas -
beschwingt vom ew'gen Charme.
Servus Wien - du bist anders
als in meiner Erinnerung
und wie einst du gewesen -
und beim 2. Mal sein wirst.

[7/2006]

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Zwischen zwei Hügeln ein Gipfel wir
 Zwischen zwei Gipfeln
 ein Tal
allein [2006]

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