Adalbert von Chamisso
(
Louis Charles Adélaïde de Chamisso de Boncourt)
 
  30.1.1781 auf Schloß Boncourt - 21.8.1838, Berlin
 
Das Schloss Boncourt Ich träum' als Kind mich zurücke...
Die alte Waschfrau Du siehst geschäftig bei dem...
Zweites Lied von der alten Waschfrau Es hat euch anzuhören wohl...
Geh' du nur hin Ich war auch jung und bin jetzt alt...
Jungfrau von Stubbenkammer Ich trank in schnellen Zügen...
Vom Pythagoräischen Lehrsatz Die Wahrheit, sie besteht in...
Was soll ich sagen? Mein Aug ist trüb'...
Sonett Ich fühle mehr und mehr die Kräfte...
   

 

 

Das Schloss Boncourt

Ich träum' als Kind mich zurücke,
Und schüttle mein greises Haupt;
Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder,
Die lang ich vergessen geglaubt?

Hoch ragt aus schatt`gen Gehegen
Ein schimmerndes Schloß hervor,
Ich kenne die Thürme, die Zinnen,
Die steinerne Brücke das Thor.

Es schauen vom Wappenschilde
Die Löwen so traulich mich an,
Ich grüße die alten Bekannten,
Und eile den Burghof hinan.

Dort liegt die Sphinx am Brunnen,
Dort grünt der Feigenbaum,
Dort, hinter diesen Fenstern,
Verträumt' ich den ersten Traum.

Ich tret in die Burgkapelle
Und suche des Ahnherrn Grab,
Dort ists, dort hängt vom Pfeiler
Das alte Gewaffen herab.

Noch lesen umflort die Augen
Die Züge der Inschrift nicht,
Wie hell durch die bunten Scheiben
Das Licht darüber auch bricht.

So stehst du, o Schloß meiner Väter,
Mir treu und fest in dem Sinn,
Und bist von der Erde verschwunden,
Der Pflug geht über dich hin.

Sei fruchtbar, o theurer Boden,
Ich segne dich mild und gerührt,
Und segn ihn zwiefach, wer immer
Den Pflug nun über dich führt.

Ich aber will auf mich raffen,
Mein Saitenspiel in der Hand,
Die Weiten der Erde durchschweifen,
Und singen von Land zu Land.


[1827]


Killy, Walther: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart, München: Deutscher Taschenbuchverlag GmbH &Co. 2001
Quelle

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Die alte Waschfrau

Du siehst geschäftig bei dem Linnen
Die Alte dort in weißem Haar,
Die rüstigste der Wäscherinnen
im sechsundsiebenzigsten Jahr.
So hat sie stets mit sauerm Schweiß
Ihr Brot in Ehr und Zucht gegessen
Und ausgefüllt mit treuem Fleiß
Den Kreis, den Gott ihr zugemessen.

Sie hat in ihren jungen Tagen
Geliebt, gehofft und sich vermählt;
Sie hat des Weibes Loos getragen,
Die Sorgen haben nicht gefehlt;
Sie hat den kranken Mann gepflegt,
Sie hat drei Kinder ihm geboren;
Sie hat ihn in das Grab gelegt
Und Glaub' und Hoffnung nicht verloren.

Da galt's, die Kinder zu ernähren;
Sie griff es an mit heiterm Mut,
Sie zog sie auf in Zucht und Ehren,
Der Fleiß, die Ordnung sind ihr Gut.
Zu suchen ihren Unterhalt
Entließ sie segnend ihre Lieben,
So stand sie nun allein und alt,
Ihr war ihr heitrer Mut geblieben.

Sie hat gespart und hat gesonnen
Und Flachs gekauft und nachts gewacht,
Den Flachs zu feinem Garn gesponnen,
Das Garn dem Weber hingebracht;
Der hat's gewebt zu Leinewand.
Die Schere brauchte sie, die Nadel,
Und nähte sich mit eigner Hand
Ihr Sterbehemde sonder Tadel.

Ihr Hemd, ihr Sterbehernd, sie schätzt es,
Verwahrt's im Schrein am Ehrenplatz;
Es ist ihr Erstes und ihr Letztes,
Ihr Kleinod, ihr ersparter Schatz.
Sie legt es an, des Herren Wort
Am Sonntag früh sich einzuprägen;
Dann legt sie's wohlgefällig fort,
Bis sie darin zur Ruh sie legen.

Und ich, an meinem Abend, wollte,
Ich hätte, diesem Weibe gleich,
Erfüllt, was ich erfüllen sollte
In meinen Grenzen und Bereich;
Ich wollt', ich hätte so gewußt
Am Kelch des Lebens mich zu laben,
Und könnt' am Ende gleiche Lust
An meinem Sterbehemde haben.

[1835]

Killy, Walther: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart, München: Deutscher Taschenbuchverlag GmbH &Co. 2001
Quelle

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Zweites Lied von der alten Waschfrau

Es hat euch anzuhören wohl behagt,
Was ich von meiner Waschfrau euch gesagt;
  Ihr habt's für eine Fabel wohl gehalten?
Fürwahr, mir selbst erscheint sie fabelhaft;
Der Tod hat längst sie alle hingerafft,
Die jung zugleich gewesen mit den Alten.

Dies werdende Geschlecht, es kennt sie nicht
Und geht an ihr vorüber ohne Pflicht
  Und ohne Lust, sich ihrer zu erbarmen.
Sie steht allein. Der Arbeit zu gewohnt,
Hat sie, solang' es ging, sich nicht geschont;
Jetzt aber, wehe der vergess'nen Armen!

Jetzt drückt darnieder sie der Jahre Last;
Noch emsig thätig, doch entkräftet fast
  Gesteht sie ein: "So kann's nicht lange währen.
Mag's werden, wie's der liebe Gott bestimmt;
Wenn er nicht gnädig bald mich zu sich nimmt, -
Nicht schafft's die Hand mehr - muss er mich ernähren."

Solang' sie rüstig noch beim Waschtrog stand,
War für den Dürst'gen offen ihre Hand;
  Da mochte sie nicht rechnen und nicht sparen.
Sie dachte bloß: "Ich weiß, wie Hunger thut." -
Vor eure Füsse leg' ich meinen Hut,
Sie selber ist im Betteln unerfahren.

Ihr Fraun und Herrn, Gott lohn' es euch zumal,
Er geb' euch dieses Weibes Jahre Zahl
  Und spät dereinst ein gleiches Sterbekissen!
Denn wohl vor allem, was man Güter heißt,
Sind's diese beiden, die man billig preist:
Ein hohes Alter und ein rein Gewissen.

Killy, Walther: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart, München: Deutscher Taschenbuchverlag GmbH &Co. 2001
Quelle

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Geh' du nur hin

Ich war auch jung und bin jetzt alt,
Der Tag ist heiß, der Abend kalt,
Geh' du nur hin, geh du nur hin,
Und schlag dir solches aus dem Sinn.

Du steigest hinauf, ich steige hinab,
Wer geht im Schritt, wer geht im Trab?
Sind dir die Blumen eben recht,
Sind doch sechs Bretter auch nicht schlecht.

[1827]

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Jungfrau von Stubbenkammer

Ich trank in schnellen Zügen
Das Leben und den Tod
Beim Königsstuhl auf Rügen
Am Strand im Morgenrot.

Ich kam am frühen Tage
Nachsinnend einsam her,
Und lauschte dem Wellenschlage,
Und schaute übers Meer.

Wie schweifend aus der Weite
Mein Blick sich wieder neigt,
Da hat sich mir zur Seite
Ein Feenweib gezeigt.

An Schönheit sondergleichen
Wie nimmer Augen sahn,
Mit goldner Kron und reichen
Gewändern angetan.

Sie kniet’ auf Felsensteinen
Umbrandet von der Flut,
Und wusch mit vielem Weinen
Ein Tuch, befleckt mit Blut.

Umsonst war ihr Beginnen,
Sie wusch und wusch mit Fleiß,
Der böse Fleck im Linnen,
Erschien doch nimmer weiß.

Da sah sie unter Tränen,
Mich an, und bittend fast;
Da hat ein heißes Sehnen
Mich namenlos erfaßt.

"Gegrüßt sei mir, du blendend,
Du wundersames Bild! - - "
Sie aber, ab sich wendend,
sprach schluchzend, aber mild:

Ich weine trüb und trüber,
Die Augen mir und blind,
Gar viele ziehn vorüber,
und nicht ein Sonntagskind.

Nach langem bangen Hoffen,
Erreichst auch Du den Ort -
Oh, hättest Du getroffen
zum Gruß das rechte Wort!

Hättst Du Gott helf! gesprochen,
ich wär erlöst und dein,
Die Hoffnung ist gebrochen,
Es muß geschieden sein!" -

Da stand sie auf zu gehen,
Das Tuch in ihrer Hand,
Und, wo die Pfeiler stehen,
Versank sie und verschwand.

Ich trank in schnellen Zügen
Das Leben und den Tod
Beim Königsstuhl auf Rügen
Am Strand im Morgenrot.

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Vom Pythagoräischen Lehrsatz

Die Wahrheit, sie besteht in Ewigkeit,
Wenn erst die blöde Welt ihr Licht erkannt;
Der Lehrsatz, nach Pythagoras benannt,
Gilt heute, wie er galt zu seiner Zeit.


Ein Opfer hat Pythagoras geweiht
Den Göttern, die den Lichtstrahl ihm gesandt;
Es thaten kund, geschlachtet und verbrannt,
Einhundert Ochsen seine Dankbarkeit.


Die Ochsen seit dem Tage, wenn sie wittern,
Daß eine neue Wahrheit sich enthülle,
Erheben ein unendliches Gebrülle;


Pythagoras erfüllt sie mit Entsetzen;
Und machtlos, sich dem Licht zu widersetzen,
Verschließen sie die Augen und erzittern.

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Was soll ich sagen?

Mein Aug ist trüb', mein Mund ist stumm,
Du heißest mich reden, es sei darum.

Dein Aug ist' klar, dein Mund ist roth,
Und was du nur wünschest, das ist ein Gebot.

Mein Haar ist grau, mein Herz ist wund,
Du bist so jung, und bist gesund.

Du heißest mich reden, und machst mir's so schwer;
Ich seh' dich so an, und zitt're so sehr.

[1827]

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Sonett

Ich fühle mehr und mehr die Kräfte schwinden;
Das ist der Tod, der mir am Herzen nagt,
Ich weiß es schon und, was ihr immer sagt,
Ihr werdet mir die Augen nicht verbinden.

Ich werde müd' und müder so mich winden,
Bis endlich der verhängte Morgen tagt,
Dann sinkt der Abend und, wer nach mir fragt,
Der wird nur einen stillen Mann noch finden.

Daß so vom Tod ich sprechen mag und sterben,
Und doch sich meine Wangen nicht entfärben,
Es dünket euch muthig, übermuthig fast.

Der Tod! - der Tod! - Das Wort erschreckt mich nicht,
Doch hab' ich im Gemüth ihn nicht erfaßt,
Und noch ihm nicht geschaut in's Angesicht.

[1836]

 

 
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